Biogas: Alternative Energie auf Kosten der dritten Welt?

Biogas gilt als eine hoch attraktive alternative Energiequelle und wird stark gefördert, doch seine Förderung belastet die Umwelt. Sind wir auf dem Weg, unsere Felder zu Monokulturen zwecks besonders effizienter Herstellung von Biogas zu entwickeln? Oder ist Biogas die Möglichkeit, dem Klimawandel auf nachhaltige Weise entgegenzuwirken? 

 

Nach der atomaren Katastrophe von Fukushima im März 2011 plant Deutschland, nach und nach bis 2022 alle seine Atomkraftwerke abzuschalten. Doch woher soll der Strom der Zukunft kommen, wenn die Atomenergie wegfällt? Eine wichtige Quelle könnte die Energiegewinnung durch Biogas sein. Sie gilt als ein wahres Multitalent und als eine nachhaltige Alternative zur Atomkraft. Bei genauerem Hinsehen muss jedoch ein Fragezeichen hinter das Wort „bio“ in der Bioenergie gesetzt werden.

Bioenergie wird aus Biomasse gewonnen, die vor allem aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird. Besonders geeignet ist dabei Mais, der zu den energiereichsten Pflanzen überhaupt gehört. Aus ihm werden u.a. Bioethanol und Biogassubstrat erzeugt, die dann zur Erzeugung von Strom und Wärme aus Biogas genutzt werden. Wird es zu Methan aufbereitet, kann Biogas sogar als Kraftstoff dienen oder über das Gasnetz weitertransportiert werden. Effizient ist dieser Aufbereitung von Biomasse zu Biogas vor allem dann, wenn sie in sehr großem Stile, mit sehr schnell nachwachsenden und möglichst sortenreinen Rohstoffen erfolgt. Mit anderen Worten: Attraktiv ist Bioenergie dann, wenn sie in riesigen Monokulturen erzeugt wird. Es entsteht ein Konflikt zwischen nachhaltiger Energieerzeugung und Artenvielfalt, den besonders die Länder der Dritten Welt zu spüren bekommen.

Rechtliche Grundlagen der Förderung des Ökostroms: das EEG und seine Folgen

Das zentrale Steuerungsinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien ist das im Jahr 2000 in Kraft getretene „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ (EEG), welches seither mehrmals aktualisiert und weiterentwickelt wurde. Ziel dieses Gesetzes ist es, die Energieversorgung umzubauen und den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis 2050 auf mindestens 80 Prozent zu steigern. Nebenher sollen die volkswirtschaftlichen Kosten gesenkt, die fossilen Energieressourcen geschont und die Technologieentwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien vorangetrieben werden. Die Bezuschussung von erzeugtem Strom aus Biomasse seit dem Jahr 2004 war der hauptsächliche Grund dafür, dass der Bestand von Biogasanlagen erheblich anstieg. Hieraus geht hervor, dass der Zubau von Anlagen hauptsächlich mit der Förderung nach EEG zusammenhängt. Momentan werden in Deutschland fast 8000 Biogasanlagen betrieben. Ihre Anzahl ist damit in den letzten 10 Jahren um fast 6000 Anlagen gestiegen.

Der weitere Ausbau der Biogas-Erzeugung stockt zurzeit aufgrund einer Änderung am EEG im Jahr 2014. Die Förderung von Biomasse- und Biogasanlagen wurde erheblich gekürzt und spätestens ab dem Jahr 2017 soll eine grundlegende Umstellung des Fördersystems auf ein Ausschreibungsmodell erfolgen. Ziel dieses Modell ist es, festgelegte Ausbauziele für erneuerbare Energien kostengünstiger zu erreichen. Dies soll durch die wettbewerbliche Ermittlung der Förderhöhe erfolgen. Teilnehmer an der Ausschreibung benennen die Menge ihrer installierten Leistung, für die sie eine Förderberechtigung erhalten möchten und bieten einen anzulegenden Wert nach dem EEG-Gesetz an. Dieser Wert bildet die Basis für die Berechnung der gleitenden Marktprämie. Übersteigen die Gebote die ausgeschriebene Menge, erhalten Bieter mit dem niedrigsten anzulegenden Wert den Zuschlag.

Da es sich hierbei um die größte Veränderung im Fördersystem für erneuerbare Energien seit Einführung des EEG handelt, werden momentan Erfahrungen im Bereich für Photovoltaik-Freiflächenanlagen gesammelt. Die anderen Bereiche der EEG-Förderung bleiben vorerst unverändert. Ob das Ziel, den Ausbau erneuerbarer Energien kostengünstiger zu gestalten, erreicht wird, bleibt jedoch abzuwarten. Durch dieses Modell können nur noch sehr große Energieversorgungsunternehmen in den Ausbau regenerativer Energiequellen investieren. Kleineren Unternehmen wird somit von Zeit zu Zeit der Ausbau erschwert werden. Dies kann zu einer Marktkonzentration mit wenigen großen Anbietern führen, was die Tendenz zu großflächigen Monokulturen weiter befördert.

Die „Vermaisung“ der Agrarwirtschaft: auf dem Weg zur Monokultur?

Generell gilt, dass es durch die vermehrte Nutzung von Mais als Energie- anstatt als Nahrungsquelle zu einer Nutzungskonkurrenz kommt. Durch die Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz verwenden viele Landwirte ihre Anbaufläche verstärkt zum Anbau von Energiepflanzen. Jedoch wird hierdurch – wenig biologisch – der Boden für den Wiederanbau nach einer Maisernte deutlich geschwächt. Wird im Folgejahr dennoch wieder Mais gesät, besteht eine große Gefahr, dass Schädlinge von den neuen Pflanzen zehren und mit umweltbelastenden Insektiziden bekämpft werden müssen. Da Mais, im Gegensatz zu Unkräutern, beim Wachsen Anlaufschwierigkeiten hat, kommt es zusätzlich zum – ebenfalls nicht unproblematischen – Einsatz von Unkrautvernichtern. Dennoch erreicht der Maisanbau in Deutschland aktuell mit 2,5 Millionen Hektar seinen historischen Höchststand. Zwar sind davon lediglich ein Drittel Energiemaispflanzen; dennoch ist deren Zuwachs seit dem Jahr 2005 von 70.000 auf 600.000 Hektar weit überdurchschnittlich.

„Biomasse ist nicht unbegrenzt verfügbar“ mahnt Florian Schöne vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der auch darauf hinweist, dass schon heute die Grenzen des Wachstums, bezogen auf die Anbaufläche für Mais als Energiepflanze, erreicht seien. Oftmals werden stillgelegte grüne Wiesen als neue Fläche für den Maisanbau genutzt. Bei diesem Umbruch von Grün- zu Ackerland entsteht aus einer Kohlenstoffsenke, einem Reservoir, welches das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre aufnimmt und viel klimaschädliche Substanz speichert, eine Kohlenstoffquelle. Dieses Vorgehen hat dramatische Folgen für Böden, Artenvielfalt sowie auch für das Klima, welches eigentlich durch das EEG geschützt werden soll. Weideflächen, auf denen bisher Wildtiere und -pflanzen gelebt haben, sind nun von Mais besiedelt.

Der Preis der „Nachhaltigkeit“ aus Sicht der dritten Welt

Nicht nur in Deutschland ist der Maisanbau am Explodieren. Der weltweit größte Produzent und Exporteur von Mais sind die USA. Mit 42 Prozent wird fast die Hälfte der Ernte zur Erzeugung von Ethanol genutzt, das mit Benzin vermischt als „grüner“ Sprit (E10) an Tankstellen verkauft wird. Doch dass diese 42 Prozent ausreichend sind, um den weltweit steigenden Bedarf an Mais als Nahrungsmittel zu decken, bleibt unausgesprochen.

Trotz einer lang anhaltenden Dürrewelle im Jahr 2012, welche in den USA zu Ernteausfällen führte, verzeichneten die dort ansässigen Farmer Rekordgewinne. Dies zeigt, wer den weltweiten Preis für Mais bestimmt. Sinkt der Ertrag der Maisernte amerikanischer Farmer, schlägt sich das sofort in höheren Maispreisen nieder. Die Preiselastizität der Nachfrage von Mais ist dementsprechend gering und zeigt, dass Fehlernten zu großen Preisausschlägen führen können. In Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, ist – gesetzlich vorgeschrieben – eine Kraftstoffverbrauchsquote von 6,25 Prozent durch Biokraftstoff zu decken. Dies führt dazu, dass die ohnehin schon geringe Preiselastizität der Nachfrage weiter abgesenkt wird, da sich die Nachfrage nach Biokraftstoff auch bei spürbar steigenden Preisen durch die Zwangsbeimischung im Kraftstoff kaum verändern kann.

Mit zunehmender Umwandlung von Natur- in Nutzflächen wird der Preis von Mais immer weiter nach unten gedrückt, was verheerende Folgen für viele Länder in der dritten Welt hat, die vom Export der energiereichen Pflanze leben. Zu den stark betroffenen Ländern gehören Äthiopien, Südafrika und Uganda, von denen gerade Äthiopien einer der wichtigsten Exporteure des afrikanischen Kontinents ist. Auch Nachbarländer wie Kenia, der Südsudan und das „World Food Programme“ (WFP) kaufen viel Mais in Äthiopien und Uganda ein. Allein im Jahr 2013 hat das WFP Nahrungsmittel in 91 Ländern gekauft, wovon ein Großteil aus Entwicklungsländern stammten. Würden sich die Preise für Mais zurückentwickeln, hätten exportstarke Länder wie die USA und Argentinien, bedingt durch eine größere Menge und ihren technischen Vorsprung, den Vorteil, kostengünstiger anbieten zu können. Entwicklungsländer, die anstatt modernen Mähdreschern die Ernte von Hand verrichten, wären dagegen gezwungen, ihre Preise zu senken. Dies wäre ein enormer Einschnitt in die Lebensqualität und würde örtliche Bauern daran hindern, ihr Leben auf eine stabilere Grundlage zu stellen.

Auf der Suche nach Alternativen zum Mais

Der Energiereichtum des Mais beruht darauf, dass die Pflanze selbst enorm energie- und nährstoffhungrig ist und die Böden deshalb intensiv gedüngt werden müssen. Axel Don vom Braunschweiger Johann Heinrich von Thünen-Institut, das als Bundesforschungsinstitut zum Landwirtschaftsministerium gehört, äußert sich daher skeptisch zur EEG-Förderung von Bioenergie: „Man hätte die EEG-Förderung nicht an den Verkauf des vermeintlich klimaschonenden Stroms koppeln dürfen, sondern an die Pflanzensorten, mit denen die Flächen bewirtschaftet werden.“ Alternativen zum Mais wären beispielsweise Pappeln oder Chinaschilf, da der Boden nicht nach jeder Ernte umgepflügt werden muss und der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmittel gesenkt werden kann. Höhere Investitionskosten, geringes Interesse am Umgang mit neuen Pflanzen und der Nachteil, dass mit der Ernte frühestens im dritten Jahr begonnen werden kann, hindern viele Landwirte am Umschwenken auf nachhaltigere Alternativen zum Mais.

Etwas anders stehen ein paar Landwirte aus dem Kreis Gütersloh der Suche nach Substituten von Mais gegenüber. Sogenannte Energiewildpflanzen sollen als Alternative zu den sich kilometerlangen durchs Land ziehenden Mais-Einöden die Artenvielfalt zurückbringen. Sie experimentieren mit einer Pflanzenmischung, die aus 22 Wild- und Kulturpflanzen besteht. Erste Untersuchungen zeigen, dass der gewonnene Energieertrag bei dieser Pflanzenmischung nur halb so hoch wie beim Mais ist, dass dies aber durch einen erheblichen Gewinn für Natur, Artenschutz und Landschaftsbild mehr als kompensiert wird. Das Ziel bei der Suche nach Alternativen liegt nicht darin, Mais vollständig zu ersetzen, vielmehr geht es darum, die Artenvielfalt zu erhalten und dem Trend des „In den Tank statt in den Trog“ entgegenzuwirken.

Fazit

Festzuhalten ist, dass Mais allgemein eine sehr lukrative Möglichkeit ist, um an Energie zu gelangen. Diese Möglichkeit birgt jedoch ernstzunehmende Nachteile für die Entwicklungsländer und zerstört den Lebensraum vieler Tiere. Darüber hinaus bestehen in diesem Zusammenhang auch relevante ordnungspolitische Probleme, wenn die geplanten Eingriffe der Regierung, aus dem bisherigen Fördersystem ein Ausschreibungsmodell zu machen, die Marktkonzentration erhöhen. Müssen kleinere Energieversorgungsunternehmen sowie Biogasanlagenbetreiber aus dem Markt ausscheiden, nimmt nicht nur der Wettbewerb ab, sondern verstärkt sich der Trend zu noch größeren Monokulturen. Diese aber müssen gestoppt werden.

Solange Hungersnot auf anderen Kontinenten herrscht, darf der Anteil der Maisernte, die zu Ethanol verarbeitet wird, um einen noch „grüneren“ Sprit bereitzustellen, nicht weiterhin ansteigen. Die Wende des EEG zeigt, dass Politikern bewusst geworden ist, dass eine zu starke Förderung des Stroms aus Biomasse nicht mit der Entfaltung des Klimaschutzprogramms einhergeht. Die Neuausrichtung des EEG ist ein erster Schritt für den Neustart der Energiewende. Die planwirtschaftlichen Ansätze und Subventionen führen jedoch allesamt zu hohen Kosten und setzen mit Preisfestlegungen und staatlich festgelegten Quoten marktwirtschaftliche Elemente, wie den Wettbewerb und den Preismechanismus, außer Kraft.

Durch die Suche nach Alternativpflanzen und umfassende Tests stehen die Chancen gut, den Erhalt von Artenvielfalt und Natur in Kombination mit erneuerbaren Energien zu ermöglichen. Mit einem konzentrierteren Anbau von Mais als Nahrungsmittel könnten sich die Landwirte und die Gesellschaft als Ganzes intensiver auf die Deckung des weltweit steigenden Bedarfs an Mais sowie der Bekämpfung von Hungersnot in der dritten Welt fokussieren. Werden zukünftige Rahmenbedingungen der Agrarbewirtschaftung zur Erzeugung erneuerbarer Energien zumindest ansatzweiße in ethischen Einklang mit der Situation hungernder Menschen in den ärmsten Nationen gebracht, hätte Biogas deutlich mehr mit dem Wort „bio“ zu tun als jetzt!

 

Über den Author

Felix Risch Studiert im fünften Semester B.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Interessengebiete liegen v.a. in der BWL (Finanzmanagement, Marketing und Unternehmenstheorie) sowie in aktuellen wirtschaftspolitischen Debatten.

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