Wir sind zu dick! Wo bleibt die Zuckersteuer?

Die Deutschen lieben Zucker! Kein Wunder, dass über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig ist. Der Zuckerkonsum muss reduziert werden und daher müssen überzuckerte Lebensmittel unattraktiver werden. Aber wie gelingt das?

Laut der WHO sollte Zucker maximal 10 Prozent der Gesamtenergiezufuhr eines Menschen ausmachen. Diese Obergrenze wird in Deutschland konsequent überschritten. Deutschlandweit wäre eine 25-prozentige Verringerung der Zuckerzufuhr nötig, um die empfohlene Obergrenze zu erreichen. Durch eine solche Reduktion würde das am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem, die Adipositas oder umgangssprachlich Fettleibigkeit, bekämpft und das von der WHO als globale „Adipositas-Epidemie“ bezeichnete Phänomen eingeschränkt.

Warum den Konsum reduzieren?

Hoher und häufiger Zuckerkonsum fördert die Entstehung von Karies, Diabetes und Übergewicht sowie zahlreicher, mit Übergewicht verbundener Erkrankungen. Zucker ist nicht direkt mit Drogen vergleichbar, dennoch können suchtähnliches Verhalten und Gewohnheitseffekte erzeugt werden. Dies fördert irrationales Verhalten in Form von übermäßigem Konsum. Diese Eigenschaften machen uns zu „Zuckerjunkies“, was besonders für Kinder gefährlich ist.

Übermäßiger Zuckerkonsum und die daraus resultierenden Behandlungskosten von Erkrankungen verursachen gesellschaftliche Kosten, die von den KonsumentInnen nicht vollständig getragen werden. Insgesamt sind 70 Prozent der Ausgaben des Gesundheitswesens auf Erkrankungen zurückzuführen, die durch einen ungesunden Lebensstil bedingt sind. Der Preis von Zucker beinhaltet diese „sozialen Kosten“ nicht. Eine Zuckersteuer könnte derartige Kosten, die von der Allgemeinheit und nicht allein vom Zuckersüchtigen getragen werden, ausgleichen. Gleichzeitig schützt sie als Lenkungssteuer die VerbraucherInnen vor irrationalem Verhalten. Lenkungssteuern verfolgen das Ziel, das Verhalten in eine gewünschte Richtung zu lenken. Die gewünschte Richtung wurde durch WissenschaftlerInnen, wie die der WHO, mit der 10 Prozent Obergrenze vorgegeben. Dieser Appell erreichte die Politik, welche seit längerem über eine Zuckersteuer debattiert.

Außerdem wirkt eine Zuckersteuer innerhalb der gesamten Produktionslinie und macht „versteckten Zucker“ durch steigende Preise sichtbar. Vielen ist nicht bewusst, dass hinter Begriffen wie Dextrose, Maltose und Isoglucose Zucker steckt. Des Weiteren würde jede einhundertste Person ein bis zwei gesunde Extralebensjahre erhalten, wie eine Modellrechnung für Australien zeigt.

Zuckersteuern sind kein „Neuland“

Verschiedene Varianten von Zuckersteuern wurden bereits in zahlreichen Ländern der Welt erfolgreich eingeführt. Darunter zählen zum Beispiel Portugal, Frankreich, Mexiko; sogar in den freiheitlich denkenden USA besteuern einige Bundesstaaten Zucker. In Großbritannien wurde eine Zuckersteuer für bestimmte Getränke eingeführt, weshalb die Industrie den Zuckergehalt reduziert hat. Gleichzeitig sank die Nachfrage nach stark überzuckerten Getränken um 50 Prozent, wobei Wasser und andere nicht besteuerte Getränke mit 40 Prozent Anstieg vermehrt nachgefragt wurden. Warum also nicht gleiches in Deutschland versuchen?

Kritisiert wird die Zuckersteuer bezüglich ihres Eingriffs in die Konsumentensouveränität. Die VerbraucherInnen würden bevormundet und ihrer Wahlfreiheit beraubt. Sie sollten vielmehr besser informiert werden. Dies solle unter anderem der Nutri-Score ermöglichen, welcher mittels einer Farbskala Aufschluss über den gesundheitlichen Wert eines Lebensmittels geben soll.

Der Nutri-Score hat jedoch Schwächen. Ungesunde Inhaltsstoffe können durch gute ausgeglichen werden und eine Bestnote bedeutet nicht, dass das Produkt auch wirklich gesund ist. So entstehen Fehlanreize. Außerdem ist die Verwendung des Nutri-Scores für Firmen freiwillig. Verbraucherbildung alleine reicht daher nicht aus. Vielmehr ist gerade mangels funktionierender Alternativen eine Zuckersteuer erforderlich, um die VerbraucherInnen in die richtige Richtung zu lenken.

Eine Zuckersteuer impliziert großen gesellschaftlichen Nutzen. Es ist Zeit für die Politik, auf die Wissenschaft zu hören und im Sinne der Bevölkerung zu handeln. Die „Adipositas-Epidemie“ muss und kann auf diese Weise besiegt werden.

Über den Autor/die Autorin

Johannes Klopstein

Der Autor studiert im Master Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er interessiert sich für wirtschaftspolitische und ordnungspolitische Fragestellungen, insbesondere im Bereich der Lebensmittelindustrie, der Energiewirtschaft und des Kapitalmarktes.

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