Der Nutri-Score: Schwachsinn oder geniale Idee?

Deutschland nimmt zu! Rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist übergewichtig. Mit steigendem Gewicht geht auch ein erhöhtes Risiko für Krankheiten wie Diabetes Typ 2 einher. Um den Verbrauchern eine gesündere Ernährung zu ermöglichen, wurde der Nutri-Score eingeführt. Aber hilft dieser wirklich?

Fünf Buchstaben, fünf Farben, ein Label: der Nutri-Score. Der Nutri-Score soll dem Verbraucher anhand einer farbigen Skala von A bis E dabei helfen, seine Probleme der Informationsverarbeitung zu überwinden und sein Konsumverhalten in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Er bietet eine einfache und schnelle Orientierung über den gesundheitlichen Wert eines Lebensmittels. Bei der Bewertung werden die wichtigsten „positiven“ Inhaltsstoffe wie Ballaststoffe, Proteine und Gemüse und „negativen“ Inhaltsstoffe wie Salz, Zucker und gesättigte Fettsäuren berücksichtigt und miteinander verrechnet. Zuckerbomben und Fettfallen können dadurch vom Verbraucher schnell identifiziert werden. Zusätzlich können die Hersteller durch den Wettbewerb mit anderen Anbietern dazu bewegt werden, ihre Rezeptur zu verändern und ihre Produkte gesünder zu gestalten. Aber ist die Lösung wirklich so einfach?

In der Einfachheit des Nutri-Scores liegen auch seine Schwächen. Für eine ausgewogene und gesunde Ernährung bedeutende Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und ungesättigte Fettsäuren werden in der Bewertung vernachlässigt. Vor Zusatzstoffen wie Süßungsmitteln und Geschmacksverstärkern wird gar nicht gewarnt! Und auch der Verarbeitungsgrad des Produktes spielt bei der Bewertung keine Rolle. Generell eignet sich die Bewertung mit dem Nutri-Score nur für stark verarbeitete Lebensmittel, wodurch vernachlässigt wird, dass frische, unverarbeitete Lebensmittel in der Regel gesünder sind. Die Menschen könnten dadurch zum übermäßigen Konsum von Fertiggerichten verleitet werden.

Durch die Verrechnung der Inhaltsstoffe können negative Werte ausgeglichen werden, sodass ein Produkt in der Gesamtbewertung gesünder erscheinen kann als es eigentlich ist. Ein Beispiel dafür ist eine Tiefkühl-Pizza mit Gemüsebelag, die mit A bewertet wird, obwohl die gemüsefreie Pizza Margherita derselben Marke nur eine C-Bewertung erhält.

Der Nutri-Score hat Schwächen. Aber sind diese wirklich von Bedeutung? Das Interesse der Verbraucher an einer gesunden Ernährung ist hoch, jedoch fehlt häufig das Wissen und auch die Zeit zur gesundheitlichen Einschätzung von verarbeiteten Lebensmitteln, was zu Problemen bei der Informationsverarbeitung führt. Die Verbraucher haben die notwendigen Informationen wie die Nährwertkennzeichnung zwar gegeben, jedoch sind sie nicht immer fähig dazu, diese zu verarbeiten und die Lebensmittel folglich richtig einzuschätzen. Zusätzlich treten die Konsequenzen einer ungesunden Ernährung zumeist zeitlich verzögert ein, sodass es zu irrationalen Entscheidungen der Verbraucher kommen kann.

Der Nutri-Score bietet eine stark vereinfachte Darstellung, auf deren Basis der Verbraucher schnell eine Entscheidung treffen kann. Er soll die verpflichtende Zutatenliste und Nährwertangabe nicht ersetzen. Diejenigen, die sich detailliert mit den Lebensmitteln auseinandersetzen wollen, können dies weiterhin tun. Aber denjenigen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht dazu willens oder in der Lage sind, wird dabei geholfen, eine bessere Entscheidung zu treffen.

Dies geschieht, ohne dass die Wahlfreiheit verloren geht oder ökonomische Anreize geändert werden. Des Weiteren hilft er denen, die von Problemen der Informationsverarbeitung, betroffen sind, ohne diejenigen, die auch ohne den Nutri-Score dazu fähig sind, sich gesund zu ernähren, zu bevormunden. Dafür müssen seine vermeintlichen Schwächen in Kauf genommen werden.

Bisher ist die Kennzeichnung mit dem Nutri-Score freiwillig, aber immer mehr Firmen wollen den Nutri-Score nutzen und auch die Mehrheit der Verbraucher befürwortet die Verwendung des Labels. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine gesunde Ernährung, die nicht an den individuellen Problemen der Informationsverarbeitung scheitern sollte! Daher sollte die Kennzeichnung mit dem Nutri-Score sogar verpflichtend werden.

Über den Autor/die Autorin

Judith Michel

Die Autorin Judith Michel studiert im Master Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Ihren Bachelor hat sie ebenfalls in Freiburg absolviert. Nebenbei arbeitet sie als Tutorin für Mikroökonomik. Sie interessiert sich besonders für finanzwissenschaftliche und wirtschaftspolitische Themen.

1 Kommentar

  • Liebe Judith,

    dein Beitrag hat mir sehr gut gefallen, jedoch habe ich mir nach dem Lesen folgende Frage gestellt: Wäre es nicht besser den Nutri-Score zu verbieten, wenn er Informationen über Süßstoffe und Geschmacksverstärker (krebserregend) bei der farbenfrohen Kennzeichunung von Lebensmitteln einfach ignoriert? Wie du selber schreibst werden sich auch weiterhin nur informationswillige Individuen der ausfühlichen Nährwerttabelle annehemen…
    Meiner Meinung nach führt der Nutri-Score durch das Aufwiegen von Inhaltsstoffen und durch die Vernachlässigung von Vitaminen etc. nicht zu einer gesunden Kaufentscheidung sondern zu einer Irreführung für den unwissenden Käufer.

    Liebe Grüße
    Sophia

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