Wohlstand neu denken!

Wie sieht der Wohlstand von morgen aus? Wohlstand gilt als etwas Positives, bestehend aus einem immateriellen und materiellen Teil. Politisch wird zumeist nur materieller Wohlstand gemessen, zum Beispiel als Bruttoinlandsprodukt. Es scheint dann, als könne irgendwann ein absoluter Wohlstand erreicht werden. Doch wäre es nicht besser, den Begriff „Wohlstand“ als eine sich wandelnde Konstante in unserer Sozialen Marktwirtschaft zu betrachten und diesen neu zu interpretieren? 

Ist es nicht paradox, dass der Wohlstand in unserer Gesellschaft durch die Zahlen des Bruttoinlandsprodukts beschrieben wird, aber keine immateriellen Kennzahlen berücksichtigt, obwohl wir uns in einer Sozialen Marktwirtschaft befinden. Das Ziel „Wohlstand für alle“ des früheren Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard hat sich verwirklicht und in Zahlen ausgedrückt geht es unserer Gesellschaft tatsächlich besser als je zuvor. Die Floskel „früher war alles besser“ kann durch Kennzahlen wie das durchschnittliche Einkommen, die Deckung der Grundbedürfnisse und viele weitere Parameter deutlich widerlegt werden. Doch das bedeutet nicht, dass sich Wohlstand individuell auch für alle gleich anfühlt. 

Alternative Indikatoren zur Messung des Wohlstands gibt es schon lange, unter anderem den Happy-Planet-Index (HPI) oder den Human Development Index (HDI), die vor allem die menschlichen Bedürfnisse abbilden. Solange der Fokus allerdings fast ausschließlich auf dem Bruttoinlandsprodukt und dessen Wachstum liegt, entwickelt sich unsere Gesellschaft auf Kosten von Umwelt und sozialer Gerechtigkeit. 

Materiell ging es unserer Gesellschaft noch nie so gut wie heute. Doch den „echten“ Wohlstand haben wir vor lauter Zahlen wohl aus den Augen verloren. Es gibt nicht die eine richtige Form für echten Wohlstand, dafür sind wir zu individuell und global in zu unterschiedlichen Welten zuhause. Doch eines ist offensichtlich: unsere aktuelle Lebensweise ist nicht wirklich zukunftsfähig. Die natürlichen Ressourcen werden immer knapper. Eine zufriedenere und glücklichere Gesellschaft kann langfristig auf dieser Grundlage nicht entstehen.

Wir jagen einer falschen Vorstellung von Wohlstand hinterher, die Politik spiegelt dies wider und beeinflusst wiederum die Gesellschaft und uns – ein Teufelskreis! Psychologen sprechen von einer Überkompensation durch materielle Werte, um eine innere Leere zu stillen. Eine Leere, die durch eine einseitige Interpretation von Wohlstand entsteht und die in der Vernachlässigung von Werten wie Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz resultiert.  

Richtig ist, dass zunächst unsere Grundbedürfnisse gedeckt sein müssen, um überhaupt über die Frage nachdenken zu können, wie Wachstum und Wohlstand gestaltet werden sollten. Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass diese erfüllt sind, aber es könnte sein, dass wir uns in Zukunft genau darüber wieder Gedanken werden machen müssen. Es könnte angesichts von Herausforderungen wie dem Klimawandel zu einer der größten Aufgaben unserer Zukunft werden, das Fundament unserer Grundbedürfnisse zu stabilisieren, denn dieses wird sonst nicht mehr immer und überall stabil sein. 

Hierfür muss der Wohlstandsbegriff in unserer Gesellschaft, aber auch in der Politik überdacht werden: für ihn spielen viel mehr Faktoren eine Rolle als der Wert der produzierten Güter und Dienstleitungen in unserem Land. Eine wahrhaft soziale Marktwirtschaft geht an dieser Stelle, wenn sie beim Worte genommen wird oder sich zumindest neu bestimmt, über das enge Konzept des Bruttoinlandsprodukts hinaus und kann einen wertvollen Beitrag für die Neubewertung des Wohlstands einnehmen. Allerdings: Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und Veränderungen unserer Lebensumwelt machen uns zuerst einmal Angst. Doch blicken wir den Tatsachen ins Gesicht: eine Neudefinition unseres Wohlstandskonzepts ist nichts im Vergleich zu den wirklichen Gefahren der Klimakrise und einer zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit. Passen wir uns also auf dem leichteren Wege an die neuen Realitäten an – jeder individuell für sich, aber auch alle zusammen für die gesamte Gesellschaft und die zukünftigen Generationen. 

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