Die Illusion der eigenen Meinungsbildung im Netz – Wie alternative Fakten und digitale Echokammern unser Denken beeinflussen

Kaum eine internationale Wahl wurde in Deutschland so gespannt verfolgt wie die US-Wahl 2020. Donald Trump, der zur Wiederwahl antrat, spaltete die Gemüter, nicht nur in seinem eigenen Land. Manch einer fragte sich: Wie kann es sein, dass Meinungen und Ansichten, obwohl sie scheinbar auf den gleichen verfügbaren Informationen basieren, so voneinander abweichen? Die schlichte Antwort lautet: In unserer digitalen Welt sehen wir nicht alle die gleichen Fakten.

Bereits Donald Trumps erster Amtstag begann mit einer Lüge. Als man sich später zu einer Richtigstellung genötigt sah, bezeichnete man Trumps Aussagen schlicht als „alternative Fakten“. Damit wurde erstmals ein Phänomen in Worte gefasst, das Ausdruck einer neuen Art der Diskussion ist. Falschbehauptungen werden, selbst entgegen klarer wissenschaftlicher Erkenntnisse, als Mittel des öffentlichen Diskurses legitimiert. Besonders häufig erleben wir dies im digitalen Raum. Donald Trump befeuerte durch seine Handlungen und seinen Einsatz von sozialen Medien im Wahlkampf die Debatte um die Regulierung eben jener.

Soziale Medien sind nicht der alleinige Grund für die Polarisierung einer Gesellschaft, doch sie ermöglichen Gruppenbildungen. Besser als jemals zuvor lassen sie uns Gleichgesinnte finden. Gemäß der Theorie des digitalen Tribalismus bilden Menschen ähnlicher Gesinnung natürlicherweise Gruppen, aus denen Externe ausgeschlossen bleiben. Gleichzeitig suchen Menschen im Netz gezielt nach Informationen, die die eigene Identität bestätigen. Dieses Phänomen wird auch als Echokammer-Effekt bezeichnet. Dieser wird von sozialen Netzen und ihren Algorithmen verstärkt. Um das Interesse der Nutzer möglichst lange zu fesseln, werden ihnen online insbesondere solche Personen und Inhalte gezeigt, die sich mit den eigenen Ansichten decken. Abweichende Meinungen verschwinden dann mehr und mehr aus dem Blickfeld. 

Während Falschinformationen für sich genommen relativ harmlos sind, werden sie in Kombination mit den beschriebenen Effekten zu einer erheblichen Gefahr für die eigene Meinungsbildung. Algorithmen können das kritische Hinterfragen von Sachverhalten erschweren, wenn Nutzern nur einseitige Informationsquellen zur Verfügung gestellt werden. Wenn einen aber nur noch solche Nachrichten erreichen, die sich mit den eigenen „Fakten“ decken, bleibt eine Richtigstellung von Falschinformationen aus. In der Konsequenz können sich inkorrekte Überzeugungen herausbilden und verstärken. Soziale Medien können dazu führen, dass Menschen sich von der Realität entkoppeln, dass Fakten und objektivierbares Wissen für sie an Glaubwürdigkeit verlieren. 

Für eine liberale Demokratie, die von der öffentlichen Debatte lebt, ist eine gemeinsame, faktenbasierte Diskussionsgrundlage aber essenziell. Fehlt diese, weil jeder lediglich an seine eigenen (alternativen) Fakten glaubt, dann werden Argumente illegitim, nur weil sie von den eigenen Informationen und Ansichten abweichen. Das kann eine Polarisierung der Gesellschaft zur Folge haben und resultiert in einem Nebeneinander von Gruppierungen, die jeweils nur an ihre eigene Wahrheit glauben und jedes Verständnis für Andere verlieren. Der beschriebene Echokammer-Effekt führt dazu, dass Gleichgesinnte sich in ihren Ansichten gegenseitig online bestärken, gar aufputschen, ohne dass dabei eine Selbstreflexion stattfindet. Schnell kann es dann im digitalen Raum zu einer Radikalisierung kommen. 

Um diesen Effekten entgegenzuwirken und eine Hyperpolarisierung der Gesellschaft zu verhindern, wie sie im politischen Geschehen in den Vereinigten Staaten zu sehen ist, müssen wir jetzt handeln. Wir müssen die Algorithmen der sozialen Netzwerke stärker regulieren und mehr Transparenz im Netz einfordern. Erst wenn die Nutzer Einsicht erhalten in jene personalisierten Parameter, die den Algorithmus entscheiden lassen, welche Inhalte er anzeigt, wird eine selbstbestimmte Entscheidung und Forschung möglich. Google kündigte kürzlich an, das personalisierte Tracking ab 2022 einzustellen. Damit würden alle Plattformnutzer endlich wieder die gleichen digitalen Fakten sehen – zumindest in der Theorie. Es bleibt abzuwarten, ob andere Social Media-Unternehmen diesem Beispiel folgen werden.

Über den Autor/die Autorin

Adina Weiler

Adina Weiler studiert Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Information Systems and Network Economics an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Hierbei interessiert sie sich besonders für Internationale Politik, Entrepreneurship und Digitale Ökonomie.

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