Deutschland im Alkoholrausch

Wer kennt es nicht? Das gute alte Feierabendbier. Der tägliche Alkoholkonsum ist bei Männern in Deutschland doppelt so hoch und bei Frauen sogar fast um das Dreifache höher, als von der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlen. Nichtsdestotrotz ist in kaum einem Land der Preis für Alkohol so niedrig wie in Deutschland. Eine höhere Besteuerung würde helfen.

Deutschland ist ein weltweites Hauptkonsumland in puncto Alkohol. 95 Prozent der deutschen Bevölkerung trinken alkoholische Getränke und pro Person werden in Deutschland jährlich ganze 10,7 Liter reinen Alkohols konsumiert, was mehr als 200 Flaschen Bier entspricht. „Deutschland entwickelt sich nicht gemäß dem allgemeinen europäischen Abwärtstrend und der Alkoholkonsum befindet sich über dem Durchschnitt“, so Vladimir Poznyak von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Der Alkoholkonsum verharrt in Deutschland nun seit Jahren auf dem gleichen Niveau.

Quelle: Eigene Darstellung

Forscher der University of Washington in Seattle haben herausgefunden, dass schon alleine ein sehr geringer Alkoholkonsum die Gesundheit massiv gefährdet. Alkohol fördert bis zu  200 Krankheiten, wie beispielsweise diverse Krebserkrankungen. Die Lebenserwartung kann bei stärkerem Konsum sogar um bis zu 20 Jahre sinken. Insgesamt sterben durch Alkoholkonsum in Deutschland 74.000 Menschen – und diese Zahl berücksichtigt noch nicht einmal die große Zahl von Passivtoden, beispielsweise durch Autounfälle unter Alkoholeinfluss.

Weitere passive Folgen durch Alkohol gehören in Deutschland zum Alltag. Man arbeitet beispielsweise ineffektiver oder löst familiäre Konflikte aus. Meist bleibt es nämlich nicht bei dem einen Feierabendbier. Das Gefährliche am Alkohol ist, dass dieser gesellschaftlich akzeptiert wird und somit wird ein gefährlicher Konsum weit jenseits einzelner Biere zuerst meist nicht wahrgenommen. Im Jahr 2016 wurden 27,3 Prozent aller aufgeklärten Gewalttaten unter Alkoholeinfluss verübt. Rund 2,65 Millionen Kinder wachsen in einer Suchtfamilie auf und somit ist jedes sechste Kind betroffen.

Das Paradoxe ist, dass Alkohol relativ immer billiger wird im Vergleich zur sonstigen Lebenshaltung – in den letzten 40 Jahren um 30 Prozent. Durch die billigen Preise steigt leider auch die Nachfrage. „Der Kauf von einem Liter Wodka für 3,99 Euro sollte in Deutschland nicht mehr möglich sein“ , so der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Gesamtwirtschaftlich ist der Alkoholkonsum ein schlechtes Geschäft für den Staat, denn er greift dem Staat massiv in die Tasche: obwohl er durch Steuern auf Bier, Schaumwein und Spirituosen rund 3,165 Milliarden Euro Steuereinnahmen erzielt, fallen gleichzeitig 40 Milliarden Euro Krankheitskosten an, die den Krankenkassen zu schaffen machen.

Quelle: Bundesministerium der Finanzen (2015)

Die Antwort auf die Herausforderungen durch den Alkoholkonsum liegen dabei auf der Hand. Der Preis für Alkohol muss steigen. In Schottland wurde beispielsweise ein Mindestpreis pro alkoholischem Getränk eingeführt – mit Erfolg. Dennoch handelt die deutsche Politik in puncto Alkoholkonsum nicht. Es gehe schließlich bei einer höheren Alkoholsteuer um einen Eingriff in die bürgerliche Freiheit, so die Skeptiker und Gegner einer derartigen Steuer. Das Kulturgut Alkohol solle für jeden Bürger sozialstaatlich erhältlich sein. Doch wer die völlige Freiheit haben will, Alkohol beliebig zu konsumieren, sollte auch für die hohen sozialen Kosten, die er verursacht, geradestehen. Diese allein rechtfertigen bereits einen höheren Preis.

Deutlich höhere Alkoholpreise lassen die Kritiker weiterhin fürchten, dass die gefährliche und unkontrollierte Schwarzbrennerei ansteigt. Doch dieses Argument zieht nur, wenn der Staat die bestehenden Gesetze nicht durchsetzt. Länder wie Kanada oder Schweden zeigen, dass man sich vor einer Erhöhung der Alkoholsteuer nicht fürchten muss, solange regelmäßige scharfe Kontrollen durch die Polizei stattfinden. Die Vorteile überwiegen deutlich. So zeigt eine Studie für die kanadische Provinz British Columbia, dass eine Preissteigerung von 10 Prozent auf alkoholische Getränke zu 32 Prozent weniger Alkoholtoten führt.

Doch steuerliche und repressive Maßnahmen sind nicht alles. Deutschland braucht auch wirksame Präventionsmaßnahmen, die bereits frühzeitig – zum Beispiel in der Schule durch Aufklärung – anfangen. Ein hoher Alkoholkonsum schadet nicht nur dem Einzelnen, sondern der gesamten Gesellschaft, indem er die Produktivität mindert und für hohe Kosten sorgt. Eine Preiserhöhung durch eine Steuer stellt eine effektive Problemlösung dar, da diese nachweislich den Alkoholkonsum minimiert. Sie ist ein akzeptabler Preis, damit Deutschland seine weltweite Spitzenposition beim Alkoholkonsum verlässt.


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4 Antworten zu „Deutschland im Alkoholrausch“

  1. Avatar von Sebastian
    Sebastian

    Interessanter Artikel. Den Alkoholkonsum in Deutschland mittels einer Steuererhöhung zu reduzieren, halte ich für einen spannenden Gedanken, über den es sich durchaus zu diskutieren lohnt.
    Dazu habe ich folgende Fragen:
    1.) Wird bei dieser Betrachtung von einer elastischen Nachfrage nach alkoholischen Getränken ausgegangen? Und wenn ja: Wieso wird ausgeschlossen, dass Alkohol als Suchtmittel eher einer unelastischen Nachfrage seitens der Konsumenten unterliegt?
    2.) Betrachtet man mögliche Wirkungsweisen einer solchen Steuererhöhung, und zieht in Betracht, dass jüngere Leute Alkohol aufgrund seiner berauschenden Wirkung und weniger wegen des Geschmacks konsumieren – Würde eine Steuererhöhung nicht eher ältere Leute treffen, weil jüngere den Alkohol durch andere berauschende Substanzen substituieren und dadurch ihren Körper auf andere Weise langfristig schädigen? Und löst das dann tatsächlich das Problem der hohen Krankenkassenkosten (kurz- und mittelfristig)?

    1. Avatar von Paula Löffler
      Paula Löffler

      Lieber Sebastian, zum einen lässt sich sagen, dass du Recht hast, dass die Nachfrage nach Alkohol als Suchtmittel durchaus auch unelastisch sein kann. Dennoch ergaben diverse Studien, dass die Nachfrage dennoch leicht zurückgehen würde, bei einem höheren Preis. Zu deiner anderen Frage muss ich sagen, dass es gerade die älteren Leute sind, meistens sogar Akademiker, welche oft ein Alkoholproblem haben. Bei jungen Leuten, welche den “Rausch” ausprobieren wollen, handelt es sich oft nicht um eine Alkoholsucht, sondern um ein Austesten der Grenzen. Dennoch ist der Ansatz richtig, dass der Staat auch bei meist illegalen Substituten zum Rausch bessere Maßnahmen ergreifen muss.

  2. Avatar von Yannik Hammann
    Yannik Hammann

    Liebe Paula, ein interessanter Artikel, der den Fokus auf ein dringliches, aber in Deutschland weitestgehend ignoriertes Problem richtet. Anstatt vor den Gefahren der gesundheitsschädlichen Droge Alkohol zu warnen, wird der Konsum auf verschiedensten deutschen Volksfesten glorifiziert, die in der Regel in totalen Saufgelagen enden und Menschen hinterlassen, die nur noch äußerlich an solche erinnern. Während auf jeder Kippenschachtel vor den Gefahren des Konsums gewarnt wird, sucht man Fear Appeals bei Alkohol vergeblich. Ein politisches Eingreifen erscheint daher angebracht. Allerdings teile ich Sebastians Sicht, dass es sich – analog zu Kippen – auch bei Alkohol um ein Gut mit einer relativ unelastischen Nachfrage handelt. Bereits Süchtige werden sich kaum gegen den Konsum entscheiden, wenn die Flasche Vodka in Zukunft, aufgrund einer Steuer, 50ct. teurer werden würde. Stattdessen erscheint mir persönlich, die Idee einer frühzeitigen Präventionsarbeit als vielversprechender und ein Stopp der Glorifizierung von alkoholbedingten Rauschzuständen dringend notwendig.

  3. Avatar von Stephanie Zepf
    Stephanie Zepf

    Hallo Paula,

    ein sehr interessanter und informativer Blogbeitrag. In Deutschland ist Alkohol die gesellschaftlich akzeptierte Alltagsdroge schlecht hin. Das geht teilweise sogar so weit, dass Nicht-Trinker:in aus der Masse herausstechen und eine Rechtfertigung, dafür erwartet wird, das man keinen Alkohol trinkt. Davon auszugehen, dass es die Regel ist Alkohol zu trinken ist paradox, wenn man die Schattenseiten des (übermäßigen) Konsums betrachtet. Da es hier ein gesellschaftliches Umdenken erfordert, erscheint mir eine frühzeitige Präventionsarbeit am zielführendsten zu sein. Ebenso bin ich d´accord mit Yannik, der sich für einen Stopp der Glorifizierung von alkoholbedingten Rauschzuständen ausgesprochen hat.

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