Die unsichtbare Revolution: Wo bleiben die Produktivitätszuwächse?

Die Digitale Revolution ist derzeit viel diskutiert. Moderne Technologie soll die Effizienz der Wirtschaft erhöhen. Trotzdem lässt sich die Veränderung bisher lediglich am Gesellschaftsbild erkennen, die wirtschaftliche Produktivität steigt dagegen kaum. Das wird sich schon bald ändern.

Seit Jahrzehnten verringern sich die Wachstumsraten weltweit, während sich die Gesellschaft durch neue Technik rasant verändert. So stellte der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow bereits Ende der 1980er Jahre fest, dass der Einfluss von Computern überall sichtbar sei, außer in der Produktivitätsstatistik. Die Produktivität steigt, wenn durch moderne Technik und verbesserte Strukturen mit dem gleichen Arbeitsaufwand mehr produziert werden kann. Da die Produktivität derzeit kaum steigt, ist das aktuelle Wirtschaftswachstum lediglich auf steigenden Arbeitsaufwand zurückzuführen.

Der amerikanische Wachstumsforscher Robert Gordon ist der Ansicht, dass der Effekt der digitalen Revolution auf die Wirtschaft drastisch überschätzt wird. Der Alltag wurde revolutioniert, woraus die Erwartung entstehe, dass dies auch in der Wirtschaft passiere. Ein falscher Eindruck, dem die Technik nicht gerecht werden könne. Die digitale Revolution habe nicht das Veränderungspotential der industriellen Revolution. Digitale Technologie sei in ihrem Einfluss nicht vergleichbar mit der Dampfmaschine oder der Elektrizität. Weiterhin ist Gordon der Meinung, dass die hohen Produktivitätszuwächse der letzten 250 Jahre außergewöhnlich waren, und nun ein Trend zur Normalisierung der Wachstumsraten eingesetzt habe.

Es sollte jedoch bedacht werden, dass die gängigen Messarten den Einfluss der digitalen Revolution auf die Wirtschaft systematisch zu niedrig angeben und damit Innovation unterschätzen. Im Internet – Hauptfaktor der digitalen Revolution – wird vieles kostenlos oder zumindest deutlich billiger als in der analogen Wirtschaft bereitgestellt. Das liegt daran, dass der Aufwand bei der ersten Kopie anfällt, die Dienstleistung danach aber in der Regel ohne große Kosten millionenfach in Anspruch genommen werden kann. Es ist also nicht der Wert, sondern allein der Preis, der sinkt. In den Produktionsmessungen wird lediglich dieser Preisverfall erfasst, auch deshalb weil eine Bestimmung der Wertschätzung für kostenlose Produkte praktisch nicht möglich ist.

Hinzu kommt eine Ungeduld gegenüber der Veränderung. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass viele entscheidende Innovationen lange gebraucht haben bis sie für einen merklichen Effekt in den volkswirtschaftlichen Statistiken gesorgt haben. So vergingen beispielsweise 57 Jahre zwischen der ersten Verwendung einer Dampfmaschine und ihrer industrietauglichen Weiterentwicklung. Erst Jahrzehnte nach dieser Weiterentwicklung entfaltete die Dampfmaschine ihre maximale Wirkung für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Digitale Revolution wird einen ähnlichen Einfluss haben wie die industrielle Revolution. Dafür muss allerdings noch Zeit vergehen.

Der Produktivitätsforscher Erik Brynjolfsson fand heraus, dass heute für jeden Dollar, den ein Unternehmen in Hardware investiert, im Durchschnitt weitere neun in Software, Mitarbeiterqualifizierung und in die Veränderung des Produktionsprozesses investiert werden müssen. Der enorme Finanzierungbedarf wird gerne unterschätzt und so haben viele Unternehmen zwar gerade in moderne Hardware investiert, arbeiten aber noch immer in jahrzehntealten Strukturen. Das derzeitige, geringe Wachstum stützt sich auf ebendiese Investitionen. Sobald auf der Grundlage der neuen Hardware auch effizientere Betriebsabläufe implementiert worden sind, wird dies auch einen drastischen Effekt auf das Produktivitätswachstum haben.

Eine Studie zur Produktivität in Deutschland aus dem November 2016 zeigt darüber hinaus, dass sich das Produktivitätswachstum im industriellen Sektor durchaus durch den Einsatz digitaler Technologien beschleunigt hat. Im personalintensiven Dienstleistungssektor steht dies noch bevor. Eine Digitalisierung dieses Sektors würde voraussichtlich mit einer großen Entlassungswelle einhergehen. Der fortschreitende demographische Wandel birgt aber die Chance, den Sektor schon bald neu und weniger personalintensiv zu strukturieren zu können.

Der wirtschaftliche Einfluss des Internets konzentrierte sich bisher vor allem darauf, andere Dienstleistungen billiger zu ersetzten. Das konnte in den Statistiken nicht als Produktivitätswachstum erfasst werden. Inzwischen entstehen im Internetsektor neue Geschäftsideen, welche stärker in den Wirtschaftszahlen erfassbar sind. Der bedeutungsreiche Dienstleistungssektor steht vor einem grundlegenden Wandel, um mehr Produktivität zu ermöglichen. Zusätzliche Finanzierungsformen wie das Crowdfunding und Technologien wie der 3D-Druck helfen, den Bedarf an Kapital von externen Geldgebern zu senken, wodurch sich Start-ups mit höherer Produktivität leichter am Markt etablieren können. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Produktivitätszuwächse wieder anziehen werden.

 

Beitragsbild: Pixabay

Über den Author

Kolja Glaffig Kolja Glaffig studiert im Bachelor Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Interessen liegen dabei schwerpunktmäßig auf Makroökonomie und praktischen Aspekten der Finanzmarkttheorie, sowie der Wirtschaftsinformatik.

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