Lob des Müßiggangs: Wie viel Arbeit muss sein?

Die fortschreitende Automatisierung drängt den Menschen als Arbeitskraft immer weiter zurück. Dass dies keine Bedrohung, sondern eine Chance ist, hat der große britische Philosoph und Literaturnobelpreis-Träger Bertrand Russell schon vor 84 Jahren erkannt. Die Politik bis heute nicht.

Rund die Hälfte aller Berufsbilder könnte in den kommenden Jahrzehnten durch die Automatisierung der Güter- und Warenproduktion und selbst von Dienstleistungen verschwinden. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Universität in Oxford. Müssen wir deshalb um unsere Zukunft fürchten? Nein, würde Bertrand Russell (1872-1970) widersprechen. Für ihn wären die Erkenntnisse der Oxforder Studie gute Nachrichten, die seine Hoffnungen, wie die Arbeit der Zukunft aussehen wird, sogar noch überstiegen.

In seinem ebenso visionären wie provokanten „Lob des Müßiggangs“ (1932) schreibt Russell: „Zu viel Arbeit wird in der Welt verrichtet und Unheil entsteht aus dem Glauben, Arbeit sei tugendhaft“. Doch schon in den 1930er Jahren erkennt Russell, dass die – von ihm kritisierte – Arbeitsethik in den Industrieländern durch den technischen Fortschritt längst fragwürdig geworden ist. Durch den Fortschritt sei es möglich, die notwendigen Dinge des Lebens in deutlich kürzerer Zeit zu erwirtschaften, woraus er schließt:

„Würde der gewöhnliche Lohnarbeiter vier Stunden am Tag arbeiten, gäbe es genug für jeden und keine Arbeitslosigkeit.“

Russell argumentiert, dass im Ersten Weltkrieg die Versorgung der Briten gewährleistet gewesen sei, obwohl viele Arbeitskräfte durch kriegsverwandte Tätigkeiten dem eigentlichen Produktionsprozess entzogen wurden. Was Russell vor 84 Jahren durch diesen Gedanken zu beweisen versuchte, wird durch die Studie heute nur allzu deutlich: Die Versorgung einer industriellen Gesellschaft ist auch dann gewährleistet, wenn nicht jeder in Vollzeit am Erwerbsleben teilnimmt. Im Gegenteil: Da Maschinen und Roboter die gleiche Arbeit zuverlässiger und günstiger erledigen können, müssen vor allem die geringer Qualifizierten um ihre Arbeitsplätze kämpfen.

Russell belegt dieses Problem mit einem Gedankenexperiment, in dem er die Herstellung von Nadeln beschreibt und annimmt, dass durch eine Produktivitätssteigerung der gesamte Nadelbedarf der Welt mit vier statt acht Stunden täglicher Arbeit pro Mitarbeiter erreicht werden kann. Vernünftigerweise, so Russell, würde nun vier statt acht Stunden pro Tag gearbeitet werden. Tatsächlich sei aber zu erwarten, dass trotzdem acht Stunden gearbeitet würde. Folglich gäbe es zu viele Nadeln auf dem bereits gesättigten Markt und einige Firmen müssten schließen und Mitarbeiter entlassen. Die Folge: Statt dass jeder Arbeiter vier Stunden tätig ist und vier Stunden Freizeit genießt, sind die einen überarbeitet und die anderen erwerbslos.

Um dieses „irrsinnige“ Szenario zu vermeiden, fordert Russell eine schrittweise Minderung der Arbeitszeit durch zentrale Kontrolle über die Produktion mit dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit. Bei jedem Innovationsschritt solle eine Volksabstimmung stattfinden, um zu klären, ob die Bevölkerung mehr Freizeit oder mehr Konsum bevorzuge. So wäre es möglich, den Traum eines Paradieses mit viel Freizeit und wenig Arbeit zu verwirklichen.

Obwohl Russell bereits vor 84 Jahren dieses hoffnungsfrohe Szenario entworfen hat und die Produktivität seither ungebremst steigt, bedingt dessen Verwirklichung das Lösen von mindestens zwei Herausforderungen. Interpretiert man die nüchternen Ergebnisse der Oxforder Studie als das, was sie tatsächlich sind, nämlich ein Schreckensszenario für die Zukunft, dann blüht uns ein Wettrennen zwischen Menschen und Maschinen um die Arbeitsplätze. Es ist die Herausforderung unserer Zeit, dies zu verhindern. Die Technik ist für den Menschen geschaffen und schafft im Sinne Russells Erleichterung im Alltag und im Beruf. Wissenschaft und Politik stehen dabei in der Pflicht, einen Rahmen zu schaffen, in dem technologische Innovation zum Wohl der Gemeinschaft und nicht als Druckmittel auf dem Arbeitsmarkt wirkt. Führt der durch den technologischen Fortschritt ausgelöste Strukturwandel zu negativen Rückwirkungen auf dem Arbeitsmarkt, dann müssen– etwa in der Förderung des „lebenslangen Lernens“ – die Voraussetzungen für einen schnellen Übergang in neue Tätigkeiten geschaffen werden. Diese dürfen dabei gerne so ausgestaltet sein, dass sie Russells Ideal von mehr Freizeit entsprechen.

Die zweite Herausforderung stellt sich dem Menschen selbst in einer Welt, in der Arbeit durch Freizeit ersetzt werden kann: Die Abwendung von der Arbeit ermöglicht die Wiederentdeckung des Nichtstuns, des Müßiggangs, also die Rückkehr der Kunst in den Alltag durch Befreiung der Kreativität aus den Klauen der Erschöpfung. Dann, so Russell,

„werden wieder Glück und Lebensfreude herrschen, anstelle nervöser Gereiztheit, Übermüdung und schlechter Verdauung.“

 

Über den Author

Pascal Rosenfelder Studiert im B.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Interessensschwerpunkte liegen in der normativen Betrachtung von Märkten und der Frage nach der zukünftigen Gestaltung der Arbeit.

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