Ratingagenturen: Marktmacht der vier Buchstaben

Bewertungen von Ratingagenturen haben einen enormen Einfluss auf Unternehmen, Finanzprodukte und sogar Investitionen in ganze Volkswirtschaften. Doch aufgrund der momentanen Marktkonstellation kann von fairen und objektiven Bewertungen durch die Agenturen kaum die Rede sein. Dies kann Bankrotte und Wirtschaftskrisen als fatale Folgen nach sich ziehen.

Bei Ratingagenturen handelt es sich um private Unternehmen, deren zentrale Aufgabe es ist, die Kreditwürdigkeit von anderen Unternehmen, Staaten und verschiedenen Finanzprodukten zu bewerten. Das Ergebnis der Bewertungen wird in Form der – mittlerweile weithin bekannten – Buchstabenkombinationen von AAA für sehr hohe Bonität mit sehr geringem Ausfallsrisiko bis hin zu D im Falle eines Zahlungsausfalls ausgewiesen und dient als Entscheidungsgrundlage für Investoren weltweit. Gegenwärtig werden 90 Prozent des Weltmarktes von nur drei großen amerikanischen Ratingagenturen kontrolliert. Durch diese enorme Marktmacht der „großen Drei“ – Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch – ist es nahezu unmöglich, deren Wirkungskreise effektiv einzuschränken.

Ratingagenturen sind unverzichtbar, weil sie mit ihrem hoch spezialisierten Wissen helfen, die Entscheidungen von Millionen Investoren zu verbessern. Ein immer wieder zu beobachtendes Problem ist jedoch, dass bei den Agenturen Interessenkonflikte auftreten. Diese entstehen, da die Kunden der Agenturen zugleich auch die Unternehmen sind, die von den Agenturen bewertet werden sollen. Um ihre Marktanteile zu sichern und ihre Gewinne zu maximieren, vernachlässigen Ratingagenturen daher oftmals die nötige Objektivität bei ihren Bewertungen. Aufgrund dieser Befangenheit können langjährige, gute Kontakte oder eine bessere Bezahlung zu einer positiveren Bewertung führen.

Kritisch zu betrachten ist ebenfalls die mangelhafte Transparenz, mit der die Agenturen agieren. In vielen Fällen herrscht Unklarheit über Methoden und Informationsgrundlagen, mit denen die Ratingagenturen ihre Bonitätsbewertungen vornehmen. Es kann häufig nicht nachvollzogen werden, wie eine spezielle Beurteilung einer Bonität zustande gekommen ist. Zwar wird schon seit längerem gefordert, die Transparenz auf dem Markt der Ratingagenturen zu erhöhen, doch hierfür wird vor allem mehr Wettbewerb benötigt. Der Versuch, diesen zu fördern, scheitert jedoch immer wieder an der marktbeherrschenden Position der „großen Drei“.

Schließlich wird immer wieder kritisiert, welch enorme Sprengkraft die Bewertung einer Ratingagentur entwickeln kann. Es kommt nicht selten vor, dass eine Herabsetzung der Kreditwürdigkeit mit einer automatischen Zinserhöhung und folglich mit einem Preisaufschlag für laufende Kredite einhergeht. Dies kann einen Teufelskreis auslösen, da höhere Zinskosten die finanzielle Situation eines Unternehmens oder Staates weiter verschlechtern, was zu einer weiteren Abstufung der Bonität führen kann. Als Folge daraus erhöht sich der Zins für laufende Kredite. Dies ist vor allem auch deshalb höchst problematisch, weil die Qualität der Bewertungen – mangels scharfer Regulierung durch einzelne Staaten oder die Staatengemeinschaft – keinerlei Kontrolle unterliegt. Hinzu kommt, dass die Vergabe von fragwürdigen, nicht mit der nötigen Objektivität durchgeführten Bewertungen keine Konsequenzen für die Ratingagenturen hat, was ihnen einen wichtigen Anreiz zur sorgfältigen, marktgerechten Arbeit nimmt. Im schlimmsten Fall nehmen sie mit ihrer Rückstufung der Bonität billigend in Kauf, dass sie damit eine Krise eines Unternehmens oder Staates auslösen.

Es lässt sich festhalten, dass der mangelnde Wettbewerb und die Konzentration von Macht auf drei zentrale Akteure die Funktionsfähigkeit des Marktes für Unternehmens- und Staatsanleihenbewertungen enorm beeinträchtigt. Es kann nicht gewährleistet werden, dass es sich bei den Ratings um objektive, faire und unvoreingenommene Bewertungen der Kreditwürdigkeit der Emittenten handelt, da den Agenturen die Anreize für ein solches Verhalten fehlen. Vor diesem Hintergrund sollte endlich ernsthaft in Betracht gezogen werden, die Ratingagenturen für fehlerhafte Beurteilungen haftbar zu machen. Zudem könnte neue Konkurrenz, wie beispielsweise eine eigene europäische Ratingagentur, zu mehr Wettbewerb in diesem Markt und somit zu einer Disziplinierung der bestehenden Akteure führen.

 

Beitragsbild: BlankMap-World6, CC BY-SA 3.0

Über den Author

Kai Reiner Ich studiere im 2. Semester im Studiengang M. Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs Universität Freiburg. Mein Interessensschwerpunkt liegt im Bereich Wirtschaftspolitik, insbesonders Internationale Wirtschaftspolitik, aber auch in der Umwelt- und Entwicklungsökonomik.

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