Olympia in Brasilien – Sport ohne Gewissen

Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sind vorbei und die bereits vor der Eröffnung hitzig geführte Debatte, ob sich die Veranstaltung für das Land gelohnt hat, stellt sich umso mehr. Die langfristigen ökonomischen Wirkungen bleiben unklar, sicher ist nur, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung aus den Spielen keinen Nutzen zieht. 

In der heutigen Zeit handelt es sich bei gigantischen Sportevents wie den Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften um reale und mediale Massenereignisse mit Milliardenumsätzen und enorm kostspieligen Investitionen für das austragende Land. Von den umgesetzten Beträgen hat – wie in Brasilien anhand der WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 besonders gut zu beobachten ist – nur eine kleine Elite innerhalb der Bevölkerung profitiert, während der große Rest als Verlierer dasteht.

Ein Streitpunkt, der besonders häufig für Diskussionen sorgt, sind die extrem hohen Kosten, die für die Vorbereitung solcher Sportevents anfallen. Bei der Vergabe der Olympischen Spiele an Rio des Janeiro im Jahr 2009 war Brasiliens Wirtschaft mit einem Wirtschaftswachstum, das regelmäßig im hohen einstelligen Prozentbereich lag, sehr leistungsfähig. In den letzten Jahren jedoch befand und befindet sich das Land in einer schweren politischen Krise und einer anhaltenden Rezession. Diese geänderte Ausgangslage hat die geplante Finanzierung bereits vor Ausführung der Veranstaltung zweifelhaft erscheinen lassen. Um Olympia dennoch in der geforderten Form durchführen zu können, mussten die fehlenden Mittel aus anderen Wirtschaftszweigen und Teilen des Staatshaushalts, wie etwa dem Bildungs- und Gesundheitsbereich, abgezogen werden. Diese Kürzungen werden den ärmeren Teil der brasilianischen Bevölkerung noch lange nach den Spielen belasten und zu erheblichen Einschnitten im Lebensstandard zwingen.

Die Befürworter heben gerne hervor, dass in der Vorbereitung und während der Sportveranstaltung viele neue Arbeitsplätze entstehen. Dies lässt sich besonders gut anhand der Hotel- oder Baubranche überprüfen, in der sich zumindest kurzfristig die erhofften Effekte einstellen. Ob diese jedoch langfristig erhalten bleiben, kann mit Recht angezweifelt werden. Einen guten Anhaltspunkt für die möglichen langfristigen Wirkungen stellt die WM 2010 in Südafrika dar. Bei ihrer Austragung waren nahezu keine der prophezeiten positiven Effekte, wie steigende zusätzliche Beschäftigung, bessere Arbeitsbedingungen oder erhöhtes Durchschnittseinkommen, auf lange Sicht zu beobachten. Zugleich mussten aber der Staat und damit im Endeffekt die Steuerzahler das Finanzierungsrisiko für ein kurzes Strohfeuer wirtschaftlichen Erfolgs schultern.

Hinzu kommen überdimensionierte und langfristig kaum anderweitig nutzbare Bauwerke, wie etwa das Olympische Dorf oder die Renovierung des Stadions „Maracanã“, die geringe Einnahmen bei gleichzeitig hohen Unterhaltskosten versprechen. Die Erneuerung und Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur hat vor allem steigende Ticketpreise zur Folge. Speziell im Fall Rio de Janeiro führt dies dazu, dass für einen Großteil der Bevölkerung die Nutzung der erneuerten Infrastruktur kaum noch erschwinglich ist. Zugleich dienen viele der Neubauten und Infrastrukturprojekte als Prestigeobjekte der lokalen Eliten. Die einfachen Bürger leiden dagegen oftmals unter erzwungenen Umsiedlungen oder der Enteignung von Grundbesitz.

Die Austragung der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro hätte unter den richtigen wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen durchaus positive Effekte erzielen können. Im Falle Brasiliens hätten sich die vorgefundenen Bedingungen hierfür jedoch gravierend verbessern müssen. Es zeigt sich deutlich, dass die Organisation und der Vergabeprozess von Sportgroßveranstaltungen in Zukunft verbessert werden muss. Ein möglicher Lösungsansatz könnte die Aufteilung der Veranstaltungen auf mehrere Länder sein. Vor allem aber sollte die Vergabe an Länder erfolgen, in denen sie in Volksabstimmungen und von demokratisch legitimierten Regierungen abgesegnet worden ist, die sich zuvor seriös über die Chancen und Risiken der Veranstaltungen informiert haben.

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