Soziale Ungleichheit: Von wahrgenommenen Pyramiden und tatsächlichen Mittelstandsbäuchen

In der öffentlichen Diskussion wird oft über eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich geklagt. Doch wie gerechtfertigt ist diese Klage? In vielen Ländern herrscht eine völlig verzerrte Vorstellung von der tatsächlichen Ungleichheit, die zu falschen Politikmaßnahmen führt.

In Deutschland ist die soziale Ungleichheit ein wichtiges politisches Thema, das von nahezu allen Parteien problematisiert wird. Tatsächlich ist die Vermögensungleichheit in Deutschland im europäischen Vergleich hoch. Die Vermögen sind auf eine relativ kleine Gruppe von Personen konzentriert. Über den Zeitablauf ist die Ungleichverteilung der Vermögen aber nahezu konstant geblieben. Auch die Einkommensverteilung – vor und nach Steuern und Transfers – hat sich in den vergangenen zehn Jahren wenig verändert. Die gängige These, dass die Einkommen von gut situierten und ärmeren Bevölkerungsgruppen immer stärker auseinanderdriften, lässt sich damit empirisch kaum belegen.

Trotz dieser Ergebnisse wird von vielen Menschen eine zunehmende Ungleichheit empfunden. Das Pew Global Attitudes Project hat in einer repräsentativen Umfrage untersucht, wie Menschen die Entwicklung der Einkommensschere bewerten. Die Teilnehmer aus zahlreichen Ländern wurden gefragt, ob sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert, verkleinert oder nicht verändert habe. Obwohl sich der Gini-Koeffizient, das bekannteste Maß für Einkommensungleichheit, nur in einem Drittel der Länder erhöht hatte, meinten trotzdem über 90 Prozent aller Befragten, ein Auseinanderdriften der Einkommensschere in den vorhergegangenen fünf Jahren erlebt zu haben.

Die Auswertung von Umfragen aus dem International Social Survey Programme (ISSP) zeigt noch erstaunlichere Ergebnisse. Fragt man die Deutschen danach, wie die Einkommensverteilung in Deutschland aussehe, so wird eine sehr ungleiche, pyramidenförmige Verteilung angenommen (Grafik links). Vergleicht man dies mit der tatsächlichen Einkommensverteilung auf Basis von Einkommensdaten von Eurostat, dann wird ein eklatanter Unterschied deutlich, denn die Verteilung zeigt einen großen Mittelstandsbauch und ist sehr viel weniger ungleich als vermutet (Grafik rechts).

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(Quelle: Niehues, 2014.)

Wie kommt es zu diesen Fehleinschätzungen? Da die meisten Menschen keinen eigenen Zugang zu Daten über die Einkommensverteilung oder zur Forschung hierüber haben, müssen sie bei der Bewertung der Lage auf die Übersetzung durch Andere, zumeist Journalisten, zurückgreifen. Deren Aufgabe ist es, komplexe Sachverhalte in eine allgemein verständliche Form herunter zu brechen. Aufgrund dieser Tatsache ist der mediale Einfluss auf die Wahrnehmung eines Phänomens wie der Einkommens- und Vermögensungleichheit durch die Zuschauer und Zuhörer enorm. Zugleich führt die neue Vielfalt der Medien über das Internet und die Sozialen Netzwerke zu einer immer weniger gefilterten und kontrollierten Informationsflut. Bereits die früher dominierenden so genannten Qualitätsmedien, also öffentlich-rechtliche Sender und seriöse Tageszeitungen haben – wie der Statistiker Wolfgang Brachinger einmal höchst anschaulich am Beispiel Thilo Sarrazin aufgezeigt hat – Probleme mit einer qualitativ hochwertigen und interessanten Darstellung der zumeist überaus drögen Zahlen des Statistischen Bundesamt. Auch sie neigen zur Marktschreierei. Die Neuen Medien werden zusätzlich gerne zu einer manipulativen Beeinflussung der Meinungsbildung genutzt. Hier paart sich dann „statistischer Analphabetismus“ der Journalisten (Brachinger) mit einer politischen Agenda. Je öfter von der zunehmenden sozialen Ungleichheit die Rede ist, desto besser speichert der Nachrichtenkonsument diese Information – in der Regel unreflektiert – ab.

Die systematischen Schwächen des Journalismus werden durch bestimmte Eigenheiten des politischen Systems eines Landes sowie große gesellschaftliche Mythen ergänzt, die eine große Rolle bei der Wahrnehmung sozialer Ungleichheit spielen. Am Beispiel der USA, einem Land mit einer sehr hohen Ungleichheit, lässt sich dies eindrücklich aufzeigen. Die Realität der amerikanischen Einkommens- und Vermögensverteilung besagt, dass das eine Prozent der reichsten Amerikaner etwa 40 Prozent des Vermögens besitzen, während auf die ärmsten 70 Prozent nur 7 Prozent des Gesamtvermögens entfallen. Empfunden wird von den Amerikanern aber eine deutlich gleichere Verteilung wie die nachfolgende Grafik für den Fall der – ebenfalls sehr ungleich verteilten – Einkommen zeigt. Zwar akzeptieren die Amerikaner mit ihrer leistungsorientierten kapitalistischen Ideologie mehr Ungleichheit als die Europäer, jedoch wird ihre Erwartung, dass gute Aufstiegsmöglichkeiten von Unten nach Oben bestehen, wenn man sich nur genügend anstrengt, angesichts der großen Ungleichheit und einer überraschend niedrigen Einkommensmobilität nicht erfüllt. Der große Mythos des Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär, der mit dem „American Dream“ verbunden ist, kann zwar immer weniger umgesetzt werden, aber er bestimmt weiterhin die öffentliche Wahrnehmung und erklärt damit auch die Fehleinschätzungen der Amerikaner in Bezug auf die Einkommens- und Vermögensverteilung in ihrem Land.

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(Quelle: Niehues 2014.)

Weitere Wahrnehmungsverzerrungen ergeben sich dadurch, dass die Menschen dazu neigen, sich vor allem innerhalb ihrer eigenen sozialen Schicht zu vergleichen. Isolierte Befragungen in jeweils besser situierten Milieus und schlechter situierten Schichten zeigen, dass gut situierte Menschen ihre eigene finanzielle Lage und Position in der Einkommensverteilung schlechter einschätzen als sie ist. Dies liegt daran, dass sie sich nur mit Gutverdienern, nicht aber mit Geringverdienern vergleichen. Umgekehrt schätzen die ärmeren Schichten die eigenen finanziellen Möglichkeiten besser ein, als es in der Realität der Fall ist.

Offenbar liegen also systematische Wahrnehmungsverzerrungen hinsichtlich der Einkommens- und Vermögensungleichheit in einem Land und ihrer Veränderung über die Zeit vor. Die persönliche Einschätzung der Bürger weicht von den Statistiken ab. Dies hat politisch und vor allem auch ökonomisch negative Folgen. In ihrem Bestreben, wiedergewählt zu werden, richten sich viele Politiker nach den vermeintlichen Wünschen der Wähler aus. Empfindet der Wähler eine steigende Ungleichheit, selbst wenn eine solche Entwicklung nicht vorliegt, dann ist die Politik versucht, dem durch Umverteilungsmaßnahmen entgegenzuwirken. Eine immer stärkere Umverteilung durch Steuern und Abgaben hat aber seit jeher die ökonomische Aktivität und Innovation gebremst. So mögen Bürger und Politiker zwar das gute Gefühl haben, die gar nicht vorhandene Zunahme der Ungleichheit gestoppt zu haben. Dass sie dies in einem Land tun, das durch die Umverteilungsmaßnahme weniger reich ist, als es sein könnte, bemerken sie dabei aber – noch so eine Wahrnehmungsverzerrung! – gar nicht.

 

Über den Author

Guelistan Karaca Gülistan Karaca studiert im M.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und arbeitet als studentische Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Günter Knieps am Lehrstuhl für Verkehrswissenschaften und Regionalpolitik. Die Wirtschaftsphilosophie und die Ordnungspolitik liegen in ihrem Interessenbereich.

2 thoughts on “Soziale Ungleichheit: Von wahrgenommenen Pyramiden und tatsächlichen Mittelstandsbäuchen

  • 31. August 2016 um 14:49
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    Ungleichheit ist ja auch kein rein ökonomisches Thema. Neben den hier beschriebenen Einkommens- und Vermögensgrößen enthält das Thema Ungleichheit u.a. auch die (erwähnte) Einkommensmobilität, Elitenbildung, den kulturellen Umgang mit dem Thema Ungleichheit, Macht- und Konfliktstrukturen, verschiedene Gerechtigkeitskonzepte usw.

    Die Lücke zwischen der wahrgenommenen gesellschaftlichen Ungleichheit und der ökonomischen Ungleichheit muss also gar nicht deckungsgleich sein. Politikmaßnahmen können auch auf andere Ungleichheitsdimensionen abzielen als nur auf die Bekämpfung rein ökonomischer Ungleichheit.

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  • 30. September 2016 um 20:31
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    Ein riesengroßes Kompliment und Dankeschön an Fräulein Garaca. Sie haben Mut bewiesen, sich gegen den Zeitgeist zu stellen.
    Der Artikel bestätigt meine schon lange gehegten Vermutungen einer gezielten Schwarzmalerei gewisser Interessengruppen („Sozialindustrie“) und Konsorten. Leider findet man solche Artikel nicht in der Leitpresse.

    Der Kritik des Herrn Renz muss ich vehement widersprechen. Dazu ein Zitat von Karl Popper:
    „Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. […] der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle.“
    Entgegen dem allgemeinen Befinden bietet die Bundesrepublik Deutschland, unabhängig der Startbedingungen im Leben, alle Voraussetzungen, um für sich und seine Familie ein erfolgreiches und erfülltes Leben zu erarbeiten. Meine Biografie ist eine von unzähligen anderen, die dies belegen.
    Hierzu ein Zitat von Ella Fitzgerald:“Es kommt nicht darauf an, woher man kommt, sondern wohin man geht.“

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