Terroranschläge in Paris: Ausgrenzung als Triebfaktor für die Radikalisierung

Die Terroranschläge der Gegenwart werden in den Medien und bei vielen Bürgern immer mehr mit religiösen Motiven in Verbindung gebracht. Dabei wird übersehen, dass die eigentlichen Gründe für die Vorfälle in Paris oder in anderen Städten Europas vor allem die soziale Ausgrenzung und die damit verbundene Frustration von jungen Menschen sind.

Bei der Anschlagsserie von Paris im November 2015 wurden 130 Menschen ermordet, nachdem bereits wenige Monate zuvor ein Mordattentat auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo stattgefunden hatte. Vordergründig scheinen die einzelnen Terroristen bei diesen Terrorattacken durch ihren religiösen Hintergrund in Verbindung zu stehen, tatsächlich aber kann die Motivation der Täter für Anschläge dieses Ausmaßes auf gesellschaftliche Probleme zurückgeführt werden.

In beiden Vorfällen handelt es sich um Attentäter, die in europäischen Ländern, Frankreich und Belgien, aufgewachsen sind und die Staatsbürgerschaft dieser Länder besitzen. Sie übten ihre Attentate in ihrem Heimat- oder dessen Nachbarland aus, so dass von einem Homegrown Terrorism gesprochen werden muss. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass spezifische Faktoren in den heimatlichen Lebensumständen eine wesentliche Ursache für das Verhalten der Terroristen gewesen sein können.

Schaut man sich die konkreten Lebensbedingungen an, so fällt auf, dass die Attentäter aus Problemvierteln am Rande der Großstädte Paris und Brüssel stammten. Diese Viertel befinden sich im Blickfeld praktischer sozialpolitischer Maßnahmen, weil in ihnen soziale Schieflagen besonders konzentriert sind. Zugleich jedoch sind diese Stadtteile, in denen sich eine soziale und gesellschaftliche Eigendynamik entwickelt hat, nur sehr schwer von außen zu beeinflussen.

Die Unzufriedenheit und Hoffnungslosigkeit im Hinblick auf die Zukunft in den Banlieues von Paris oder von Molenbeek in Brüssel macht deren Bewohner anfällig für eine salafistische Indoktrination und im schlimmsten Fall für terroristisches Handeln. Da sie keine Ziele vor Augen haben, erscheint vor allem jungen Menschen die Beteiligung an kriminellen Aktivitäten weniger problematisch als für Menschen, die ein sorgloses Leben genießen und in der Gesellschaft eingegliedert sind.

Die Armutsviertel sind geprägt von geringen Bildungschancen und damit verbundenen schlechten Jobaussichten für die Zukunft. Die Armut und die Arbeitslosigkeit sind Faktoren der sozialen Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben. Frustration und Wut aufgrund der sozioökonomischen Lage führt dazu, dass die Jugendlichen besonders gegenüber staatlichen Institutionen, die den institutionellen Rahmen für die wahrgenommene Ungerechtigkeit setzen, Aggressionen empfinden.

Hinzu kommt, dass im Falle von Ausschreitungen in den Problemvierteln deren Motive in der Öffentlichkeit oft mit der ethnischen Herkunft oder der Religiosität in Verbindung gesetzt werden. Dies führt zu einer weiteren Zunahme von Diskriminierung und Rassismus in der Gesellschaft, was den Teufelskreis der empfundenen und tatsächlichen Benachteiligung weiter anheizt. Die empfundene Nichtakzeptanz in ihrem Umfeld verleitet Jugendliche zu kriminellen Handlungen.

Terrororganisationen wie Daesh, wie der IS in der arabischen Welt genannt wird, nutzen diese Lage aus, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Die Entfremdung junger Menschen gegenüber der Gesellschaft und ihre Suche nach Lebenssinn sowie geordneten und gerechten Strukturen bietet den Rekruteuren terroristischer Gruppierungen die Gelegenheit, Jugendliche durch Fürsorge, Zuwendung und Interesse an den Gründen ihrer Frustration für sich zu gewinnen. Die Jugendlichen werden langsam, aber sicher in das terroristische Umfeld hineingezogen, von ihrem alten Freundeskreis und der Familie abgeschottet und bewegen sich nur noch im Umfeld der Gruppe. Das Zugehörigkeitsgefühl und das gewonnene Ansehen machen ein Ausscheiden aus der Gruppe nahezu unmöglich und die Betroffenen unterwerfen ihren eigenen Willen der Gruppe, um nicht ausgestoßen zu werden. Im finalen Stadium erscheint selbst ein terroristischer Anschlag, bei dem das Gruppenmitglied sein Leben verliert, als lohnender als die Rückkehr in das alte Leben im Problemviertel.

Es ist offensichtlich, dass dieser Art von Teufelskreis und Indoktrination insbesondere durch salafistische Gruppen entgegengewirkt werden muss. Militärangriffe gegen Stützpunkte des Daesh in Syrien dürften angesichts dieser Ursachen des Terrorismus kaum die Lösung sein. Vielmehr gilt es, die soziökonomischen Probleme in den Armutsvierteln aktiv anzugehen, denn die Frustration der Jugendlichen, die von den Terrororganisationen ausgenutzt wird, ist auf eine Reihe von miteinander verbundenen Problemen zurückzuführen: Armut, ein niedriges Bildungsniveau oder Arbeitslosigkeit. Anstatt nach Syrien zu blicken, muss der Fokus auf den inländischen Problemvierteln liegen. Eine Auseinandersetzung mit den Lebensumständen in den Vorstädten und Ghettos, die alles andere als Hoffnung versprechen, ist unumgänglich. Bessere Bildungsaussichten und damit verbundene Jobaussichten sind die zentralen Instrumente zur Reduzierung radikaler An- und Absichten.

Beitragsbild: (c) Mirza Odabasi

Über den Author

Guelistan Karaca Gülistan Karaca studiert im M.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und arbeitet als studentische Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Günter Knieps am Lehrstuhl für Verkehrswissenschaften und Regionalpolitik. Die Wirtschaftsphilosophie und die Ordnungspolitik liegen in ihrem Interessenbereich.

2 thoughts on “Terroranschläge in Paris: Ausgrenzung als Triebfaktor für die Radikalisierung

    • 31. Mai 2016 um 12:11
      Permalink

      Ich denke, beide Artikel haben ihre Berechtigung. Aber eines ist der Artikel von Herrn Haslberger sicherlich nicht (!): unpolitisch.

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.