Frühkindliche Bildung: Einigung ohne Wertschätzung im Kita-Tarifstreit

Der diesjährige Tarifkonflikt um die Bezahlung von Erzieherinnen und Erziehern hat erneut keine nachhaltige Verbesserung im Bildungssystem gebracht. Die Leidtragenden der politischen Kurzsichtigkeit, die den Wert vorschulischer Bildung weiterhin konsequent ignoriert, sind insbesondere unsere Kinder und die Gesellschaft als Ganzes.

Nach monatelangen Verhandlungen, Warnstreiks und abgelehnten Schlichtungsempfehlungen hat im Oktober 2015 auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit knapper Mehrheit das nochmals nachgebesserte Angebot der Kommunen angenommen und den Tarifstreit um die Kindertagesstätten beigelegt. Durch die Einigung verdient eine junge, Vollzeit angestellte Erzieherin nun monatlich 2.422 Euro brutto, was einer Lohnerhöhung von 3,3 Prozent entspricht. Eine verbeamtete Grundschullehrerin im vergleichbaren Alter verdient hingegen durchschnittlich etwa 3.100 Euro.

Dieses Beispiel verdeutlicht die klare institutionelle Trennung zwischen Erziehung und Bildung, aber auch die unterschiedliche Wertschätzung beider Berufsgruppen in der Gesellschaft. Dabei sind Verantwortung und Aufgabengebiet der Berufe grundsätzlich miteinander vergleichbar, denn schon in Kitas werden kognitive, wie zum Beispiel sprachliche Begabung und logisches Denkvermögen, vor allem aber auch nichtkognitive Fähigkeiten gefördert und ausgebildet. Hierunter fallen beispielsweise Geduld, Sozialkompetenz und Zielstrebigkeit, also ganz wesentliche Grundsteine, nicht nur für einen erfolgreichen Schulweg, sondern auch für den beruflichen Werdegang.

Unlängst ergaben Studien, dass vorschulische Bildung die wichtigste Stufe im Prozess des Bildungserwerbs darstellt, da nach diesem Zeitraum Versäumnisse in der Entwicklung von Fähigkeiten kaum mehr kompensiert werden können. Demzufolge sollten Kindertagesstätten also als Bildungs- und nicht nur als Betreuungseinrichtungen wahrgenommen werden. Denn durch die Förderung und Ausschöpfung der Potentiale junger Kinder ergeben sich zahlreiche positive Effekte, sowohl privat, als auch gesellschaftlich. Qualitativ hochwertige frühkindliche Betreuung wirkt sich positiv auf den Bildungsgrad des Kindes und somit auf die Effizienz des gesamten Bildungssektors aus. Individuell stehen durch einen höheren Bildungsstand verbesserte Berufschancen und somit höhere Löhne in Aussicht. Dies wiederum führt zu steigenden Steuereinnahmen, während gleichzeitig die Sozialausgaben sinken können.

Ein ganz wesentlicher positiver Effekt ist die verbesserte Chancengleichheit bildungsbenachteiligter Kinder. In Deutschland ist der Zusammenhang zwischen dem sozialökonomischen Hintergrund einer Familie und den Bildungschancen der Kinder weiterhin stark ausgeprägt. Dies liegt überwiegend daran, dass Familien unterschiedlich hohe individuelle Bildungsinvestitionen tätigen. Die daraus resultierenden Unterschiede können jedoch durch den frühzeitigen Besuch eines Kindergartens bei hochwertiger und gezielter Förderung der Kinder ausgeglichen werden. Eine solche Förderung kann allerdings nur dann angeboten werden, wenn sich hervorragend ausgebildete Erzieherinnen um die individuellen Bedürfnisse der Kinder kümmern sowie deren kognitive und nichtkognitive Entwicklung unterstützen können.

Diese Erkenntnisse zeigen, dass frühkindliche Bildung und Betreuung an das Bildungswesen angegliedert, zentralisiert und weiter ausgebaut werden muss. Zugleich muss exzellentes Fachpersonal, welches viel in die eigene Ausbildung investiert und regelmäßig Fortbildungen und Schulungen besucht, angemessen entlohnt werden. Da die Erträge von Investitionen in die frühkindliche Bildung, die im richtigen Umfang und zur richtigen Zeit getätigt werden, die Kosten mittelfristig um ein Vielfaches übersteigen, sollte die Politik endlich über Legislaturperioden hinausdenken. Die längst notwendigen Investitionen müssen jetzt getätigt werden, auch wenn sie sich erst später auszahlen. Nötig sind sowohl die sukzessive Anpassung der Gehälter als auch die damit verbundene Wertschätzung der Wichtigkeit des Berufszweigs vorschulischer Bildung.

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Jonas Maehn

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