Die Zombifizierung Europas – ein Appell gegen die Niedrigzinspolitik der EZB

Erst vor wenigen Wochen warnte Yves Mersch, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, vor einer „zombiehaften“ Entwicklung in Europa. Als „Zombies“ werden zahlungsunfähige Banken bezeichnet, die allein durch die Niedrigzinspolitik der Zentralbank noch am Leben gehalten werden. Gleichzeitig jedoch hält die EZB – um die Zinsen für die Krisenländer zu drücken – weiterhin an einer lockeren Geldpolitik mit einem Leitzins auf einem Rekordtief von 0,5% fest. Damit bereitet sie den Nährboden für die von ihr selbst befürchtete Zombifizierung. Ein rasches Umdenken der Notenbanker ist daher dringend notwendig, um ein weiteres Anschwellen der Zombie-Blase zu verhindern. Die EZB muss den Leitzins wieder anheben und damit die Überflutung der Märkte mit billigem Geld stoppen. Nur auf diese Weise kann die Zombifizierung Europas aufgehalten und ein Crash riesigen Ausmaßes vermieden werden!

Das beste Beispiel für die großen Gefahren einer extremen Niedrigzinspolitik liefert die wirtschaftliche Entwicklung Japans. Angeheizt durch niedrige Zinsen und hohe Staatsausgaben kletterte der Nikkei-Aktienindex von 1985 bis 1989 von 15.000 auf beinahe 40.000 Punkte. Als die japanische Zentralbank den Leitzins wieder erhöhte, platzte schließlich die so entstandene Blase. Seitdem befindet sich das Land in einer Zinsfalle und die Wirtschaft stagniert. Bei einer Schuldenquote von derzeit 235% könnte bereits ein leichter Anstieg des Leitzinses zu einer Staatspleite führen. Das Ausbleiben dieses Finanzkollapses ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Verschuldung der öffentlichen Hand vorzugsweise bei den eigenen Bürgern erfolgt. Diese bringen dem Staat weiterhin großes Vertrauen entgegen und kaufen daher weiterhin im großen Stile Staatsanleihen.

Die Parallelen zur Euro-Krise sind offensichtlich. Niedrige, zeitweise sogar negative Realzinsen befeuerten den Wirtschaftsboom in den heutigen Krisenländern. Insbesondere in Spanien und Irland entstanden große Immobilienblasen, während die Konsum- und Staatsausgaben in Griechenland und Portugal explodierten. Die Schuldenquote in Griechenland stieg Ende 2011 auf 170% bzw. in Portugal auf 108%. Im Gegensatz zu Japan sind Irland und Südeuropa größtenteils international verschuldet, so dass die Risiken als Folge der Finanzkrise von den internationalen Finanzinvestoren eingepreist wurden. Dies spiegelte sich in steigenden Zinsen für Staatsanleihen wieder und führte schließlich zum Platzen der Blasen. Seitdem befinden sich diese Länder in einer schweren Rezession.

In den Bankbilanzen europäischer Krisenländer sind bis dato eine große Anzahl an faulen Krediten vorzufinden. Den notleidenden Banken wird es durch die Niedrigzinspolitik der EZB ermöglicht, mit billigen Krediten ihre Bilanz zu verlängern und dadurch dringend notwendige Abschreibungen zu vermeiden – sie werden zu Zombies, die für die europäische Wirtschaft ein erhebliches Bedrohungspotential darstellen. Entschließt sich nämlich die EZB aufgrund positiver Konjunkturdaten den Leitzins wieder anzuheben, dann versiegt das billige Geld und vielen Banken droht die Insolvenz.

Durch die anhaltende Niedrigzinspolitik wird diese Problematik weiter verschärft und je länger dieser Zustand andauert, umso mehr Risiken werden bei einem europäischen Bankenkollaps geschultert werden müssen. Zusätzlich verdeutlicht die Entwicklung Japans auch die sehr reale Gefahr einer Zinsfalle, also einer Wirkungslosigkeit der Zinspolitik, wenn Zinsen nahe 0% nicht weiter gesenkt werden können. Dies würde den Handlungsspielraum der Zentralbank erheblich einschränken. Des Weiteren muss mit negativen Auswirkungen der Zombie-Banken auf das Wirtschaftswachstum gerechnet werden (siehe Harald Benink und Harry Huizinga: „Banish the threat from zombie banks in Europe“). Dieter Wermuth geht noch einen Schritt weiter und macht die Zombie-Banken für den ausbleibenden Aufschwung in Europa verantwortlich. Im Falle Japans sind viele Ökonomen seit Langem der Überzeugung, dass insbesondere der marode Bankensektor für die wirtschaftliche Stagnation verantwortlich ist.

Vor dem Hintergrund dieses Dilemmas stellt sich nun die Frage, wie die EZB ihre Geldpolitik konkret gestalten soll. Eine Anhebung des Leitzinses käme einem Bankenkollaps mit unkalkulierbaren Folgen auf die Realwirtschaft gleich, während die Fortführung der Niedrigzinspolitik die Zombifizierung der Banken weiter vorantreibt. Eine klare Antwort auf diese Frage liefert die Freiburger Schule: Die Niedrigzinspolitik muss gestoppt werden!

Insbesondere der große Ordnungsökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat in den 1970er Jahren mit seiner Konjunkturtheorie bereits dargelegt, dass das Geld- und Kreditwesen maßgeblich für Konjunkturschwankungen verantwortlich ist. In seiner monetären Theorie unterscheidet er zwischen dem Geldzins und dem natürlichen Zins. Während sich der Geldzins am Geldmarkt aus Geldnachfrage und Geldangebot bildet, geht der natürliche Zins aus dem Gleichgewicht zwischen der Nachfrage nach Investitionskrediten und dem Angebot von Anlagekapital hervor. Daher kann der natürliche Zins auch als Sachkapitalrendite betrachtet werden. In einer wirtschaftlichen Boomphase liegt der Geldzins auf niedrigem Niveau und unter dem natürlichen Zins. Damit ist eine Ausweitung des Kapitalstocks vorteilhaft und die Investitionstätigkeit nimmt entsprechend zu. Setzt man eine abnehmende Grenzproduktivität des Kapitals voraus, dann wird im Zeitverlauf der Geldzins zunehmen und der natürliche Zins abnehmen. Folglich gehen die Investitionen zurück und der wirtschaftliche Abschwung wird ausgelöst. In dieser Phase liegt der Geldzins über dem natürlichen Zins, so dass er aufgrund der geringen Kreditnachfrage sinken muss. Dies bildet schließlich die Basis für den nächsten Aufschwung und der Zyklus geht von vorne los.

In der Realität bildet sich nunmehr der Geldzins durch die Marktinterventionen der Zentralbanken. Diese diskretionäre Geldpolitik wird entgegen der Behauptung politischer Unabhängigkeit durchaus von den Regierungen beeinflusst. Seit Jahren versuchen die Zentralbanken, den Leitzins unter dem Niveau des natürlichen Zinssatzes zu halten. Nach der ordnungspolitischen Konjunkturtheorie bewirkt diese Niedrigzinspolitik ein Überhitzen der Wirtschaft. Die Investitionen und Preise steigen immer weiter an, die Anzahl der Blasen insbesondere bei Vermögenswerten nimmt zu und die Inflation enteignet die Sparer. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass genau diese Politik auch noch für die beschriebene Zombifizierung der Wirtschaft und des Bankensektors verantwortlich ist. Eine Abweichung des Geldzinses vom natürlichen Zins führt zu falschen Investitionsanreizen und einer Verzerrung des Wettbewerbsprozesses. Ein niedriger Leitzins löst demnach Investitionen aus, die beim natürlichen Zinssatz unrentabel wären. Dies ermöglicht es unprofitablen Banken, weiterhin am Markt zu bestehen. Die Selektionsfunktion des Wettbewerbs wird durch diesen Mechanismus außer Kraft gesetzt. Es kommt dann zu einem Bankencrash, wenn die Zentralbank den Leitzins wieder auf sein natürliches Niveau anhebt und sich die Banken nicht mehr mit billigen Krediten refinanzieren können.

Was bedeutet dies für Europa? Während in Deutschland die Niedrigzinspolitik vor allem die Inflationsangst schürt, stellt sie für Südeuropa in der derzeitigen Staatsschuldenkrise den einzigen Rettungsanker dar. In der aktuellen Situation könnte die Anhebung des Leitzinses gravierende Auswirkungen auf das Wachstum in den Krisenländern zur Folge haben. Selbst kurzfristiges Negativwachstum bedeutet angesichts der immensen Staatsverschuldung und der bereits hohen Arbeitslosenquote eine große Bedrohung für die wirtschaftliche Entwicklung und die gesellschaftliche Wohlfahrt. Darüber hinaus stellt die Erhöhung des Leitzinses eine gravierende Zunahme der Zinslast für die hochverschuldeten Südländer dar. Die gemeinsame Währung des Euros sorgt dafür, dass die EZB hinsichtlich ihrer Geldpolitik einen Kompromiss zwischen den schwachen Süd- und den starken Nordstaaten treffen muss. Daher liegt der Leitzinsfestlegung eine gewisse Grundproblematik zugrunde. Einerseits impliziert der einheitliche Leitzins bereits die Gefahr einer Zombifizierung, da er von den natürlichen Zinsniveaus einzelner Länder abweicht. Andererseits zeigt das Jahresgutachten 2010/2011 des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ganz klar, dass der Leitzins der EZB in der letzten Dekade stark von dem natürlichen Zinsniveau in den Krisenstaaten abgewichen ist. Nach der Hayekschen Konjunkturtheorie stellt dies die Hauptursache für die Zombifizierung der europäischen Bankenlandschaft dar.

Solange die EZB den Leitzins weiterhin nahe dem 0%-Niveau hält, ist eine Anpassung an den natürlichen Zinssatz nicht möglich. Nach Friedrich August von Hayek sorgt die dadurch ausgelöste Fehlleitung von Investitionen langfristig für allokative Ineffizienz auf sämtlichen Märkten. Verstaatlichungen im Finanz- und Privatsektor sind die Folge. Die Bildung und das Platzen von Spekulationsblasen treibt die Staatsverschuldung weiter an und führt schließlich in die Zinsfalle. Schon jetzt sind erste Anzeichen für neue Spekulationsblasen zu erkennen. Erst knapp einen Monat ist es her, da kletterte der DAX trotz mäßiger Konjunkturprognosen auf ein Allzeithoch von 8.530 Punkten. Mit der Fortführung der Niedrigzinspolitik begibt sich Europa auf einen gefährlichen Pfad langanhaltender wirtschaftlicher Stagnation, wie ihn auch schon Japan vor über zwei Dekaden eingeschlagen hat (siehe Gunther Schnabl: „Die japanischen Lehren für die europäische Krise“). Daher sollte die EZB aus der Entwicklung Japans lernen und nach den Lehren der von Friedrich August von Hayek geprägten Freiburger Schule den frühzeitigen Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik vorantreiben. Zwar wäre ein schmerzhafter Anpassungsprozess der Krisenländer unvermeidbar. Doch ist dieser unverzichtbar, damit Europa wieder einen nachhaltigen Wachstumspfad einschlagen kann. Die Niedrigzinspolitik führt langfristig nicht zum Ende der Krise, sondern sorgt durch die Zombifizierung der Banken und durch die Entstehung neuer Spekulationsblasen für weitaus gefährlichere und länger andauernde Krisen, wie die jüngste Subprime-Krise und der Fall Japans gezeigt haben. Eine angemessene Geldpolitik ist daher notwendig, um die Steuerungsfunktion des Zinssatzes wieder zu gewährleisten und die Zombifizierung Europas zu stoppen. Als EZB-Direktor sollte Yves Mersch nicht nur vor den Gefahren einer Zombie-Entwicklung warnen, sondern auch etwas dagegen unternehmen. Es bleibt unverständlich, weshalb er in Anbetracht der derzeitigen Situation weiter abwartet. Ein aktives Eingreifen der EZB ist zwingend erforderlich, denn die Lehre aus der Entwicklung Japans zeigt: Zombies gehören auf den Friedhof!

Über den Author

Christian Fischer Studiert im M.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und arbeitet als studentischer Mitarbeiter bei Prof. Dr. Tim Krieger am Lehrstuhl für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik und bei Prof. Dr. Dirk Neumann am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik. Seine Interessengebiete umfassen die Entwicklungs-, Umwelt- und Institutionenökonomik (insb. Land Grabbing/Landnahme), sowie verschiedene Bereiche der Wirtschafts- und Ordnungspolitik.

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