Wo Humanität endet

Auf tierische Produkte zu verzichten, ist kein abstrakter Versuch hoffnungsloser Idealisten, die Welt zu verbessern – vielmehr ist es eine Frage der Vernunft. Auch, wenn viele das nicht wahrhaben wollen.

Jaja, Fleisch essen ist schlecht fürs Klima – weiß mittlerweile jeder. Leider ändert es nichts daran, dass der globale Konsum von Fleisch, Milch und Eiern weiter ungehindert steigt. Allein im vergangenen Jahr wurden weltweit rund 70 Milliarden Tiere geschlachtet – Fische und andere Meereslebewesen nicht eingerechnet. Könnte man diese absurde Zahl noch irgendwie begreifen, würde einem vermutlich schlecht werden. Im Durchschnitt isst der Erdenbewohner rund 43 Kilo Fleisch im Jahr (Stand 2014). Jedoch unterscheidet sich der Pro-Kopf-Verbrauch regional sehr stark: Nord-Amerikaner und Europäer verzehren 110 Kilogramm beziehungsweise 80 Kilogramm Fleisch im Jahr – in Asien dagegen liegt der Verbrauch bei ungefähr 33 Kilogramm.

Und genau da sieht die Tierhaltungsindustrie das Potenzial, in Zukunft noch viel mehr zu verdienen. Denn steigendes Bevölkerungswachstum und steigendes Einkommen treibt in vielen Schwellenländern den Fleisch- und Milchkonsum voran. In China beispielsweise hat sich der Pro-Kopf-Fleischkonsum seit 1961 ungefähr verfünfzehnfacht. Und der Markt ist noch längst nicht gesättigt.

Quelle: UN Food and Agriculture Organization (FAO), ourworldindata.org/meat-production – CC BY

Die Welternährungsorganisation (FAO) prognostiziert einen Anstieg der Fleischproduktion in den nächsten zehn Jahren um weitere 13 Prozent – ähnliches gilt für die Milch. Rund drei Viertel dieser Mengensteigerungen resultieren laut FAO aus einer steigenden Nachfrage in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

Diese Entwicklung steht in krassem Widerspruch zu den globalen Klimaschutzzielen. Knapp 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche weltweit wird bereits für die Tierproduktion genutzt. Für Futtermittel und Weideflächen müssen Wälder weichen, durch die Tiere selbst gelangt tonnenweise Methan in die Luft.

Das stört die Agrarindustrien der entwickelten Länder freilich wenig, geht es doch um viel mehr als um neue Märkte für Endprodukte. Denn der industrialisierten Tierhaltung liegt eine im wörtlichen Sinne gnadenlose Effizienzsteigerung zugrunde: mechanisierte und rationalisierte Arbeitsabläufe, zum Beispiel mit Melkmaschinen. Stalleinrichtungen, die eine größtmögliche Konzentration vieler Tiere auf wenig Fläche ermöglichen. Futter, das nur dem Zweck dient, ein bestmögliches Schlachtgewicht zu erzielen. Und Züchtungen, deren Folgen für die Tiere nicht selten mit Schmerzen und Missbildungen verbunden sind.

In diesem Fall bekommen die Tiere das Schlechteste aus zwei Welten: Die auf Effizienz getrimmten Methoden und Technologien der westlichen Industriestaaten, losgeeist von strengeren Regulierungen bei der Tierhaltung und Beschränkungen für Medikamente.

Quelle: UN Food and Agriculture Organization (FAO), ourworldindata.org/meat-production – CC BY

Wer bei dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen will, wird sich zwangsläufig mit der ungeliebten Frage beschäftigen müssen, ob es nicht besser wäre, wenn die Menschheit in Zukunft keine, oder zumindest weniger, Tierprodukte verzehren würde.

Es mag vielleicht abstrakt wirken, wenn Menschen hier „für die Umwelt“ auf tierische Produkte verzichten – in Anbetracht der Folgen, die vor allem in vielen Ländern des globalen Südens bereits deutlich spürbar sind, ist es wohl vielmehr eine Frage der Klugheit. Denn die Auswirkungen der Wahl zwischen Genuss oder Verzicht erscheinen von der europäischen Warte aus kleiner, als sie tatsächlich sind. Von den Konsequenzen eines übermäßigen Tierkonsums sind hierzulande die wenigsten betroffen – Ernteausfälle, ausgelöst durch Dürreperioden oder Überflutungen; neuartige von Tieren auf Menschen übertragende Infektionskrankheiten, wie aktuell die Corona-Pandemie; Nitrat-getränkte Böden und Wasserknappheit; das alles findet in unserer Peripherie statt. Da fällt es leicht, Vegetarismus und Veganismus als zur Selbstinszenierung neigende Lifestyle-Trends westlicher Überflussgesellschaften abzutun. Fakt ist aber: Von Steaks, Hähnchenschenkeln und Koteletts – und anderen Nahrungsmitteln, die derartig viele Ressourcen verschwenden – werden sich die 10 Milliarden Menschen, die in absehbarer Zeit auf der Erde leben, nicht mehr lange ernähren können.

Über den Autor/die Autorin

Louis Gross

In Freiburg lebend und Volkswirtschaft studierend, arbeitet Louis Groß stets an der Entstereotypisierung seines Studienfachs. Sein ausgeprägtes Interesse für Umweltökonomik ist vermutlich ebenso der Sozialisierung im Freiburger Raum geschuldet, wie seine Sympathie für den SC. In diesem Fall, ganz dem Stereotyp entsprechend.

1 Kommentar

  • Weniger Fleisch = Klimaschutz?
    Weniger Fleisch = Beendigung des Hungers in der „dritten Welt“?
    Weniger Fleisch = Tierwohl?
    Weniger Fleisch = Moral?
    Weniger Fleisch = Rettung der Welt (naht die Apokalypse?)?

    Wahnsinn! Wenn das so einfach ist, dann los, los, alle werden Vegetarier oder Veganer!

    Aber wehe das klappt dann nicht, dann melde ich mich nochmal beim Autor dieses Beitrags…

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