Gewinnt das Wir?: Deutschlands Dörfer und ihr Kampf gegen Landflucht

Unter dem Motto: „Unser Dorf hat Zukunft“ verleiht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erstmals den Sonderpreis für Aktivitäten zur Bewältigung des demographischen Wandels. Ist dieses Programm mehr als der letzte Strohhalm zur Rettung der Dörfer? Ja, denn es motiviert die Dorfeinwohner, mit neuem Eigenengagement gegen die Landflucht zu kämpfen.

In vielen deutschen Dörfern ist der demographische Wandel deutlich zu spüren. Junge Menschen zieht es zum Studium und zum Arbeiten in die Städte. Es kommt zu einer „Landflucht“ – eine an sich altbekannte Entwicklung. Studien belegen, dass sich diese Art der innerdeutschen Wanderungsbewegung über die Zeit nicht sonderlich erhöht hat. Jedoch gibt es heutzutage eine fundamentale Änderung: Menschen mittleren Alters ziehen nach ihrer Ausbildung in den Städten nicht wieder in ihre ländliche Heimat zurück, um dort zu arbeiten und ihre Kinder groß zu ziehen, sondern bleiben in den Städten. Da die Haupteinnahmequellen der Gemeinden – wie die Zuweisungen aus der Einkommensteuer – an der Bevölkerungszahl hängen, leiden die Kommunen zunehmend unter der Landflucht. Die finanziellen Mittel fehlen, um die älteren Menschen, die immer noch vor Ort leben, mit der notwendigen altersgerechten Infrastruktur zu versorgen. Auch für diese Menschen entsteht ein Anreiz, in die Städte zu ziehen. Ein Teufelskreis!

Eigentlich könnte man leerstehende Dörfer – ökologisch korrekt – renaturieren. Doch meistens sind die Dörfer ja nicht komplett ausgestorben. Es gibt immer noch einige wenige Bewohner. Diese einfach umzusiedeln, ist ethisch unvertretbar und wäre zudem höchst kostspielig. Die Dörfer bieten Heimatverbundenheit und ein soziales Netz, ihre Bewohner pflegen die vielfältigen deutschen Kulturlandschaften wie Bergweiden, Weinhänge und anderweitige Agrarflächen, wodurch sie den Erhalt vieler Pflanzen und Tierarten sowie teilweise auch die Versorgung Deutschlands sichern.

Wenn aber Dörfer nicht renaturiert oder mit Nachbardörfern zusammengeschlossen werden können, dann muss das Problem der Landflucht dringend angegangen werden. Werden die fixen Kosten der Bereitung der lokalen Infrastruktur durch viele Bewohner geteilt, zahlt jeder Einzelne nur einen kleinen Teil. Dies gilt beispielsweise für den Bau eines Schwimmbades oder die Anschaffung und Instandhaltung von Bussen und der Kanalisation. Aufgrund einer größeren Bevölkerungszahl erhält eine Region also nicht nur mehr Geld, auch die Güter des öffentlichen Lebens werden für jedermann günstiger. Zu kleine Dörfer und Gemeinden sind dagegen teuer.

Die vermeintlich einfache Lösung, strukturschwache Regionen und Dörfer zu subventionieren, ist für sich allein jedoch keine Alternative. Sie ist kostspielig und garantiert keinen Erfolg, weil sie Abhängigkeit und Passivität fördert. Vielmehr müssen die Dörfer Eigeninitiative zeigen, um für die Bevölkerung und Zuzügler wieder attraktiv zu werden. Doch woher soll die Eigeninitiative kommen? Unterstellt man, dass die Menschen rational und egoistisch sind, dann besteht die Gefahr des Trittbrettfahrerverhaltens. Das öffentliche Gut „lebendiges Dorf“ kann jeder Bewohner genießen, unabhängig davon, ob er dafür Zeit und Geld aufgewendet hat oder nicht. Voraussetzung für ein derartiges Verhalten ist jedoch, dass das eigene (Nicht-)Handeln nicht von anderen beobachtet werden kann. Hier unterscheiden sich Dörfer von Großstädten deutlich: die dörflichen Netzwerke sind auch soziale Kontrollmechanismen. Weil es in einem Dorf nicht in Frage kommt, nicht mitzumachen, entsteht zumeist ein Wir-Gefühl, das eine gute Grundlage ist, um gemeinschaftliche Projekte zu realisieren.

Die erstmalige Verleihung des Sonderpreises zur Bewältigung des demographischen Wandels im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ schafft nun deutliche zusätzliche Anreize für die Dörfer, Eigenengagement zu zeigen. Es wurden Dörfer ausgezeichnet, die insbesondere Initiativen zur Unterstützung von Familien und älteren Leuten gezeigt und für diese neue Perspektiven geschaffen haben. So konnten Familien und ältere Menschen motiviert werden, auf das Land zurückzukehren. Eine derartige Motivation ist nicht nur wünschenswert, sondern höchst effektiv. Die Preisgelder für Eigenengagement schaffen eine Grundlage für den Wettbewerb ländlicher Regionen und können ein Weg sein, wie strukturschwache Kommunen sich selbst vor der Landflucht retten.

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Lena Füner

One thought on “Gewinnt das Wir?: Deutschlands Dörfer und ihr Kampf gegen Landflucht

  • 3. Mai 2018 um 13:47
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    Ganz toller Artikel. 5 Sterne, mehr davon! Top Blogger!
    Dieser hochqualitative content muss gefördert werden. Genauso wie die strukturschwachen Kommunen.

    Urbane Grüße,
    Toni & Flo

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