SOS: Wie die Billigflagge Seeleute im Stich lässt

Mehr als 90 Prozent des Welthandels werden mit Schiffen transportiert. Den meisten Verbrauchern ist die Bedeutung der Schifffahrt für die Beschaffung der überwiegenden Zahl unserer Alltagsgüter bekannt. Die Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter, die auf den Schiffen arbeiten, die uns diese Güter liefern, wird dagegen allzu leicht ignoriert.

Dass sich „Big business“ in der Steuer- und Regulierungsumgehung gut auskennt, ist spätestens seit den so genannten „Panama papers“ ins öffentliche Bewusstsein gerückt worden. Weniger bekannt ist ein Weg, den die Eigentümer von Schiffen wählen, um lästigen Regeln aus dem Wege zu gehen: die Billigflagge.

Eine Billigflagge erlaubt Schiffeigentümern, ihr Schiff in einem anderen Land als ihrem Heimatland zu registrieren. So lässt beispielsweise Panama gegen geringes Entgelt jeden Schiffe unter seiner Flagge fahren, was für Folge hat, dass die Schiffe der Besteuerung und Regulierung des Heimatlandes entgehen. Kein Wunder, dass Panama für den größten Anteil des per Schiff gelieferten Welthandels verantwortlich ist. Aber auch Deutschlands Zweitregister (ISR), das es Reedern erlaubt, ausländische Seeleute an Bord von Schiffen unter der Bundesflagge nach deren Heimatheuern zu bezahlen, steht auf der Liste der 32 Billigflaggen der Internationalen Transportarbeiter-Föderation.

Der Mangel an Regulierung in vielen der 32 Länder führt zu einer enormen Ausbeutung. Der Bogen spannt sich von langen Schichten und Zahlungsverzügen bis zum Imstichlassen der Crew ohne genügend Nahrung, zu Ratten an Bord, und sogar Morddrohungen auf offener See. Je weniger Regulierung es gibt, desto niedriger sind die Frachtkosten. Der Wettbewerb in der Schifffahrtsindustrie wird zu einer Abwärtsspirale, die auf dem Rücken der Seeleute ausgetragen wird, die unter immer unmenschlicheren Bedingungen arbeiten müssen.

Diese Art des Unterbietungswettbewerbs findet natürlich auch in anderen Industrien statt, indem Firmen beispielsweise ihre Fabriken in Entwicklungsländern verlagern, wo sie niedrigere Löhne zahlen müssen. Aber in der Schifffahrtsindustrie ist die Lage besonders dramatisch, denn auf hoher See sind die Arbeiterinnen und Arbeiter besonders isoliert und schutzbedürftig. Hier können sie dem Druck und der Ausbeutung nur schwerlich entgehen. Unstrittig ist, dass es einen Regulierungsbedarf gibt. Die Frage ist, wieso es bisher zu keiner Regulierung gekommen ist.

Die Schifffahrtsindustrie ist ihrem Wesen nach global und gleiches gilt für alle ihre Probleme und Regulierungsfragen. Es bedarf also stets einer internationale Lösung. Internationale Vereinbarungen sind jedoch nur sehr schwer zu erreichen. Die Länder, die eine Billigflagge anbieten, haben keine Anreize, aus eigener Initiative etwas zu verändern. Sie profitieren von der Billigflagge, vom Handel und den Steuereinnahmen, die damit einhergehen. Die internationale Staatengemeinschaft könnte durch ausreichend starken Druck von außen aber durchaus Vereinbarungen erzwingen. Zugleich aber kann man auch sicher sein, dass findige Reeder und ihre Anwälte Schlupflöcher finden, um mit ihrer bisherigen Praxis nahezu unverändert fortfahren zu können.

Auch Länder, die nicht oder nur mitteilbar betroffen sind, haben trotz der negativen Auswirkungen der Billigflaggen wenige Anreize einzugreifen. Viele Großunternehmen profitieren von der Ausbeutung der Seeleute und können gleichzeitig ihre Interessen gegenüber der Politik gut durchsetzen. Die Regierungen müssen deswegen zusammenarbeiten, um die Schifffahrtsindustrie im Interesse der Seeleute schärfer zu regulieren.

Das ist aber leichter gesagt als getan, denn noch eine Gruppe profitiert von dieser Praxis der Ausbeutung und kann auch ohne besonderen Schutz der Seeleute gut leben: die Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie – oder besser: wir – können die Schuld nicht gänzlich auf die großen Konzerne und willfährigen Regierungen übergeben. Seeleute mögen in unserem Alltag nicht sichtbar sein, aber sie liefern die Produkte, die wir täglich ebenso selbstverständlich wie gedankenlos konsumieren. Die Verbraucher haben allerdings auch sehr viel Macht, von der sie jedoch viel zu selten Gebrauch machen: Ihr Druck auf die heimischen Regierungen kann zu einem massiven internationalen Druck anschwellen, der letztendlich zu verbesserten Standards führen könnte.

Wir Konsumentinnen und Konsumenten verlangen Güter aus aller Herren Ländern und genießen die Vorteile des internationalen Handels. Aber genau das bedeutet, dass wir vor den Herausforderungen und Problemen der Globalisierung – wie dem Billigflaggen-Unwesen – nicht die Augen verschließen dürfen.

 

Beitragsbild: Andreas Hermsdorf  / pixelio.de

Über den Author

Mide Griffin Míde Griffin (Ní Ghríofa) studiert Volkswirtschaftslehre und Germanistik am Trinity College, University of Dublin und macht einen Studienaufenthalt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Rahmen eines Stipendienprogrammes des DAAD. Sie interessiert sich für Entwicklungs- und Umweltökonomie sowie für Ordnungspolitik.

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