Warum uns der Lockdown Mitgefühl für Gefängnisinsassen lehren kann

März 2020, erster Lockdown in Deutschland. Die Menschen merken, wie belastend es ist, gesellschaftlich isoliert zu sein. Was dabei vergessen wird: Soziale Isolation ist besondere für die Menschen alltäglich, die am meisten darauf angewiesen wären, im Austausch mit ihrer Umwelt zu sein – Gefängnisinsassen. Was bedeutet soziale Isolation? Werfen wir einen Blick hinter die Mauern auf diejenigen, die wirklich eingesperrt sind.

Am 22. März 2020 tritt der erste Lockdown in Deutschland in Kraft. Kontaktbeschränkungen. Das Haus darf nur noch aus triftigen Gründen verlassen werden. Sechs Wochen bist zu den ersten Lockerungen, sechs Wochen eingesperrt im eigenen Haus. Was sechs Wochen lang von den Bürgerinnen und Bürgern als Horror empfunden worden ist, ist für Gefängnisinsassen oft jahrelange Realität. Selbstverständlich sind diese nicht ohne Grund eingesperrt. Der zweite Satz des Paragraphen 2 des Strafvollzugsgesetzes besagt: „Der Vollzug der Freiheitsstrafe dient auch dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten.“ Dies ist auch nicht in Frage zu stellen. Allerdings lautet der erste Satz desselben Gesetzes: „Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen (Vollzugsziel).“ Doch wie sollen Gefangene soziale Verantwortung übernehmen, wenn sie komplett von der Gesellschaft abgeschnitten werden?

Im März und April 2020 hat ein Großteil der deutschen Bevölkerung am eigenen Leib erfahren, wie belastend es ist, Familie und Freunde nicht sehen zu können. Es war eine Zeit der Einsamkeit, allerdings… eine Stunde Besuch steht einem Gefangenen nach deutschem Recht zu. Pro Monat! Für eine Resozialisierung, also die Wiedereingliederung eines Straftäters in die Gesellschaft, bedarf es eines Austauschs mit der Umwelt, des Kontakts zu anderen Menschen und Berührungspunkten mit der Gesellschaft. Wie soll dies gelingen mit nur einer Stunde Kontakt im Monat?

Doch nicht nur die Resozialisierung leidet darunter, sondern auch die individuelle psychische Gesundheit. Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen sind bei Strafgefangenen keine Seltenheit. Dagegen helfen könnten frische Luft, Sport und Bewegung. Auch das hat die Bevölkerung während des Lockdowns im März am eigenen Leib erfahren. Viele Menschen haben das Spazierengehen für sich entdeckt, Sport im Freien gemacht. Auch das: ein Problem in deutschen Gefängnissen. Eine Stunde Hofgang pro Tag steht den Gefangenen zu. Dann heißt es wieder: Die Türen gehen zu. Eingesperrt im Haus für weitere 23 Stunden.

Belastende Zustände für die Häftlinge. Doch es geht noch schlimmer: Absolute soziale Isolation aufgrund von Einzel– oder Absonderungshaft. Es ist kaum verwunderlich, dass dies zu schweren psychischen und körperlichen Problemen führen kann: die Beeinträchtigung von Wahrnehmung und geistiger Leistungsfähigkeit, Depressionen und emotionale Bindungsstörungen. Dies sind nur einige Beispiele, die belegen, dass die soziale Isolation höchst schädlich für die Betroffenen ist. Trotzdem wird daran festgehalten. Vier Wochen darf die Einzelhaft in Deutschland maximal dauern: kein Kontakt zu anderen Menschen, Hofgang – oft nicht einmal in Freien, natürlich auch kein Sport. Verglichen damit waren die Corona-Beschränkungen wahre Freiheit. All dies ist nicht nur psychisch schädlich für die Betroffenen, sondern auch höchst ungerecht. Ungerecht auch deshalb, weil sich niemand für die Menschen einsetzt.

Die Deutschen engagieren sich für so Vieles. Alles hat eine Lobby: Tiere, Vegetarismus, Menschen mit schlechten Arbeitsbedingungen. Nur Kriminelle nicht. Sie haben keine Lobby. Wer sollte auch Partei ergreifen für den vermeintlichen Abschaum der Gesellschaft? Wer sollte sich dafür interessieren, diesen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen? Wer setzt sich für sie ein, abgesehen von einigen wenigen Sozialarbeitern?

Und so geraten Menschen in Vergessenheit, die doch dringend eine Stimme bräuchten. Wir verurteilen Täter und fordern, diese wegzusperren. Prinzipiell ist das nicht falsch, denn viele Straftäter sind gefährlich und die Gesellschaft muss vor ihnen geschützt werden. Aber der Rechtsstaat ist nicht unbarmherzig, weshalb jede Strafe einmal endet. Dann jedoch stellt sich die Frage, ob die Entlassenen dem Verbrechen wirklich abgeschworen haben oder die Gefahr besteht, dass sie rückfällig werden. Rückfälligkeit kann nur dann verhindert werden, wenn Menschen die Gefängnisse besser verlassen, als sie diese betreten haben. Deshalb brauchen wir eine Lobby für Kriminelle. Nicht nur, um diese – auch vor sich selbst – zu schützen, sondern auch, um unsere Gesellschaft zu einer besseren zu machen. Der Lockdown kann dabei helfen, zu verstehen, wie wichtig ein Austausch mit der Umwelt ist. Gibt es denn keine Möglichkeit, diesen in Zukunft auch Gefängnisinsassen umfassender und besser zu gewähren?

Über den Autor/die Autorin

Tamara Graner

Nach ihrem Lehramtsstudium und zwei Jahren im Beruf, entschloss die Autorin sich zu dem VWL-Studium. Neben dem Schreiben interessiert sie sich für die Themen Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften.

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