Die erfundene „grüne“ Zukunft der Elektrofahrzeuge

Die Zukunft ist bereits geschaffen – sie wird genauso aussehen wie die Gegenwart, nur eben mit mehr „E“. Für Cem Özdemir „ist die Messe gelesen“, im Individualverkehr spricht für die Ökonomin Claudia Kemfert alles für die Batterie und die Bundesregierung hat gemeinsam mit der Industrie die Förderung von Elektrofahrzeugen kräftig erhöht. Die Gesellschaft scheint in völliger Einigkeit in Richtung Elektrowelt zu schreiten – der Klima- und Umweltschutz gerät dabei mehr und mehr in den Hintergrund.

Wie soll die Zukunft unserer Mobilität aussehen? Wie kommen wir zukünftig möglichst umweltfreundlich und günstig von A nach B? Geht es nach der Bundesregierung, dem Sachverständigenrat für Umweltfragen oder sogar Teilen der Opposition im Bundestag, dann wird die Zukunft im Verkehr genauso aussehen wie die Gegenwart – nur alles eben im Elektrobetrieb und vernetzter. Dazu wurde für alle Elektrofahrzeuge, die im Nettolistenpreis unter 40.000 Euro liegen und ab dem 05. November 2019 zugelassen wurden, erst kürzlich die Förderung auf 6.000 Euro verdoppelt. Außerdem soll die Ladeinfrastruktur laut „Masterplan“ der Bundesregierung in den nächsten zwei Jahren erheblich ausgebaut werden.

Die Förderungen und Subventionen des Staates für E-Mobilität stehen dabei ganz im Zeichen des „Klimaschutzprogramms 2030“. Auf der Webseite der Bundesregierung ist zu lesen: „Wer sich klimafreundlich verhält, wird unterstützt.“ Übersetzt auf unsere E-Mobilität heißt das momentan: Wer kauft, ist klimafreundlich und wird deshalb unterstützt. Klimafreundlicher Konsum ist die neue Devise. „Kauft mehr E-Autos!“, „Kauft mehr E-Roller!“ rufen Politiker und Politikerinnen der Grünen, der Verband der Automobilindustrie und einige Wissenschaftlerinnen in eigenartiger Eintracht. Der gesamte Fuhrpark Deutschlands soll ausgetauscht werden. Und nicht nur das: Auch das autonome Fahren soll laut Bundesregierung unter dem Deckmantel des Klimaschutzes gefördert werden. Vernetzung fördere Effizienz und trage demnach einen Teil zum Klimaschutz bei. Energieintensive Serverfarmen und der schädliche Abbau von seltenen Erden werden dabei geflissentlich ausgeblendet.

Und die Bürgerinnen und Bürger machen mit: Laut einer Umfrage befürworten 66 Prozent der Deutschen die erhöhte Förderung von Elektroautos. Und immerhin 21 Prozent wollen statt eines Benziners oder Diesel-Autos nun ein Elektroauto kaufen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass es gar nicht mehr um das ob geht, sondern nur noch um das wann. Zwar herrscht bezüglich des positiven Umwelt- und Klimaeffekts von Elektroautos unter den Menschen durchaus eine gewisse Skepsis vor. Aber es ist doch allzu bequem, alles beim Alten zu belassen und einfach nur den Antriebsstoff des Autos zu wechseln. Außerdem werden Autos inzwischen sowieso alle sechs Jahre ausgetauscht. Warum dann nicht auch mal ein Elektroauto?

Das Problem dieser Denkweise liegt in den Vorstellungen von unserer Zukunft. Wieso ist es für uns so schwer vorstellbar, Zukunft anders zu denken als nur als Verlängerung von Gegenwart? E-Mobilität verändert beinahe nichts in unserer Art der Fortbewegung, der Klimaschutzeffekt ist zweifelhaft und die Herstellung von Millionen von Elektroautos wird in den nächsten Jahren der Umwelt den nächsten Stoß versetzen. Außerdem können wir weiterhin fröhlich Fahrzeuge konsumieren wie zuvor. Aber die Zukunft ist offen, kontingent oder wie Harald Welzer sein neues Buch betitelt: „Alles könnte anders sein“. Womit der Soziologe im Kern ungewollt einen wichtigen Punkt des Ordoliberalismus aufgreift: Die Kombination der Entscheidungen und Handlungen vieler Millionen Individuen sollte die Zukunft bestimmen, nicht der Staat in Eintracht mit Wissenschaft und Industrie. Statt ständig lenkend in das Wirtschaftsleben einzugreifen und uns Elektroautos schmackhaft zu machen, sollte der Staat schlicht und einfach für eine angemessene Bepreisung von Treibhausen – ob CO2, Methan oder Lachgas – sorgen. Und dann lasst uns umwelt- und klimafreundlich die Zukunft gestalten!

Über den Autor/die Autorin

Timon Renz

Timon Renz ist seit Januar 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Finanzwissenschaft und Sozialpolitik an der Universität Freiburg. Hier absolvierte er auch den Bachelor of Science in Volkswirtschaftslehre, den Bachelor of Arts in Politikwissenschaft als auch den Master of Science in Volkswirtschaftslehre. Währenddessen arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Public und Non-Profit Management der Universität Freiburg.

Seine Forschungsinteressen liegen in der ökonomischen Zufriedenheitsforschung, der Identitätsökonomik, der Politischen Ökonomik sowie der Sozialpolitik und Sozialökonomik. Darüber hinaus interessiert er sich für die philosophischen und psychologischen Grundlagen der Lebenszufriedenheit.

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