Segen und Fluch

Unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgelegt – ist das mit Ökologie vereinbar? Warum zwischen der gegenwärtigen Konsumgesellschaft und dem Bekenntnis zum Klimaschutz ein Widerspruch besteht.

Man stelle sich vor, künftige Generationen blicken zurück auf unsere Gesellschaft: Es ist 2020, die Menschen bewegt – trotz des plötzlich aufgetretenen Corona-Virus – der Klimaprotest einer siebzehnjährigen Schwedin. Gleichzeitig dümpelt die Wirtschaft vor sich hin, Ökonomen warnen vor einer drohenden Rezession – das Wachstum in der Krise? Oder in der Krise durch Wachstum? Zu wenig und zu viel zugleich, wie kann das sein?

Zunächst einmal: Es drängt sich nicht gerade der Eindruck auf, dass der Wohlstand hierzulande nicht genug wächst. Vielmehr scheint es, ein großer Teil der Gesellschaft kauft mehr als er konsumieren kann. Im Durchschnitt wirft jeder Deutsche 85,2 Kilogramm Essen im Jahr weg. Trotzdem ist es ein ehernes Gesetz, dass die Wirtschaft wachsen muss. Wenn sie stagniert oder – Gott bewahre – schrumpft, herrscht Panik. Die aktuelle Corona-Pandemie zeigt dies eindrücklich. Wachstum und Wohlergehen sind eng miteinander verknüpft: Schwächelt die Konjunktur, sinkt die Produktion, steigt die Arbeitslosigkeit, schrumpfen die Steuereinnahmen. Ohne Aufschwung brächen die Sozialsysteme irgendwann zusammen. Allerdings, und das kann man ganz ohne Wertung sagen: Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten kostet etwas. Und der Preis, den die Mehrheit der westlichen Gesellschaften dafür zu zahlen bereit ist, ist hoch.

Ölschock, Währungs-, Finanz- oder Schuldenkrise: Was für Wachstumskritiker als Wink mit dem Zaunpfahl gilt, wird vom Rest – von den Eliten, von den Massen – kurzerhand unter Kollateralschaden verbucht. In der Wachstumsfrage herrscht in weiten Teilen der Gesellschaft Einigkeit. Aber abgesehen von den politischen, ökonomischen und moralischen Kosten, die der Wachstumswahn so verlässlich fordert wie ein Schweizer Uhrwerk – dient das Konsumstreben wirklich noch einer vernünftigen Bedürfnisbefriedigung? Es ist doch so: Nicht einmal die Menschen aus den sehr reichen, westlichen Gesellschaften würden von sich aus so viel konsumieren, wie sie eigentlich müssten, um den Wachstumsmotor in Gang zu halten. Zum Glück für die Angebotsseite gibt es diesen trickreichen Apparat namens Werbung, um im Falle eines stockenden Konsums nachzuhelfen. Und da haben wir über die ungeheuerliche Zerstörung der Natur, die zu jeder Stunde auf dem Erdball vor sich geht, noch gar nicht gesprochen. Man darf an dieser Stelle also schon einmal fragen: Lohnt sich das wirklich?

„Grünes Wachstum“ oder gar kein Wachstum?

Den meisten Ökonomen zufolge sind die Herausforderungen des Klimawandels nur durch die Kräfte des Marktes, durch sogenanntes „grünes Wachstum“, zu bewältigen. Dieses soll für Ressourceneffizienz und Innovation sorgen. Schon möglich, irgendwann. Derzeit ist es allerdings so, dass ein Großteil der Effizienzgewinne durch sogenannte Rebound-Effekte aufgebraucht werden. Das heißt, obwohl Geräte – zum Beispiel Fernseher – durch die technologische Entwicklung immer weniger Energie verbrauchen (pro Quadratzentimeter Bildfläche), nimmt die Gesamtleistung der Apparate zu, denn die Bildschirme werden gleichzeitig größer. Dasselbe gilt für Autos – Stichwort SUV.

Dagegen predigen viele Umweltschützer, dass grenzenloses Wirtschaftswachstum auf einem Planeten mit endlichem Ressourcenaufkommen unmöglich sei. Sie fordern – wie etwa der Umweltökonom Niko Paech – wirtschaftliches und kulturelles Umdenken. Paech plädiert für eine Wirtschaft ohne Wachstum, pocht auf die Abkehr vom Konsumismus und fordert eine 20-Stunden Woche. Aber stehen alle, die sich freitags so freimütig für Umweltschutz einsetzen, auch hinter den Konsequenzen? Damit beispielsweise eine CO2-Steuer wirklich etwas bewirke, müsse sie den Bürgern Urlaubsflüge, Fleischessen, Autofahren und sonstigen übermäßigen Konsum madigmachen, sagt Paech. Eine politische Mehrheit dafür entspräche einer „Quadratur des Kreises“. Das Resultat dieser vertrackten Situation lässt sich in der Symbolpolitik des sogenannten Klimakabinetts beobachten.

Brauchen wir einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft?

Was nun? Auch wenn Wachstum für Wohlstand sorgt, auf den keiner verzichten will, gebietet die Dringlichkeit der Klimasituation, dass unser Wirtschaftssystem den Planeten nicht weiter zerstören darf. Im Mittelpunkt kann nicht mehr die Frage stehen, ob wirksamer Klimaschutz mit Wachstum vereinbar ist. Vielmehr andersherum: Ist Wachstum mit wirksamem Klimaschutz vereinbar? Und wenn das nicht der Fall ist, wie kann es gelingen, Wachstum und Wohlstand stärker zu entkoppeln? Vielleicht wäre ein Anfang zu hinterfragen, woran wir unseren Wohlstand überhaupt messen.

Das ist keine neuartige Idee. Vor beinahe 100 Jahren prognostizierte der Ökonom John Maynard Keynes bereits ein Zeitalter, in dem die Menschen ihr „wirtschaftliches Problem“ überwunden hätten. Die Menschen arbeiteten in einer 15-Stunden Woche, grundlegende materielle Bedürfnisse wären für die meisten sozialen Schichten befriedigt; Arbeit und Vermögen sind nicht mehr die Insignien von individuellem Wohlstand. Davon sind wir so weit entfernt, dass man von einer Utopie sprechen kann – warum eigentlich? Man wird vieles neu denken müssen in der Zukunft.

Über den Autor/die Autorin

Louis Gross

In Freiburg lebend und Volkswirtschaft studierend, arbeitet Louis Groß stets an der Entstereotypisierung seines Studienfachs. Sein ausgeprägtes Interesse für Umweltökonomik ist vermutlich ebenso der Sozialisierung im Freiburger Raum geschuldet, wie seine Sympathie für den SC. In diesem Fall, ganz dem Stereotyp entsprechend.

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