Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt

Ludwig Erhards „Wohlstand für Alle“ entsteht auf der Grundlage eines stetigen Wirtschaftswachstums. „Es ist viel leichter, jedem einzelnen aus einem immer größer werdenden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren, als einen Gewinn aus einer Auseinandersetzung um die Verteilung eines kleinen Kuchens ziehen zu wollen“, so schreibt Erhard in seinem gleichnamigen Bestseller. Aber kann der Kuchen wirklich immer größer werden?

Diese Frage erinnert an längst vergangene Zeiten. Ende des 18. Jahrhunderts äußerte der berühmte britische Nationalökonom Thomas Robert Malthus sorgenvoll, dass aufgrund des rasant steigenden Bevölkerungswachstums die Menge an Nahrungsmittel auf Dauer nicht ausreichen werde. Diese Skepsis hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Durch ihren Erfindergeist und neue Technologien auch für die Herstellung von Nahrungsmitteln konnten die Menschen derartig große Effizienzsteigerungen erreichen, dass die Nahrungsmittel für die immer größere Bevölkerung tatsächlich ausreichten.

Die neoklassische Wachstumstheorie geht daher weit optimistischer als Malthus davon aus, dass wir trotz endlicher Ressourcen langfristig ein stetiges Wachstum haben können – dem technischen Fortschritt sei Dank. Auf dieser Annahme basiert auch Ludwig Erhards Wohlstand für Alle. Dass dieses unendliche Wachstum jedoch einen Preis hat, konnte und wollte man zu den Zeiten Erhards nicht sehen. Heute wird uns jedoch nur zu deutlich bewusst, was dies bedeutet.

Am 29. Juli 2019 war der Earth Overshoot Day. Das ist der Tag eines jeden Jahres, an dem alle Ressourcen der Erde verbraucht wurden, welche die Natur innerhalb dieses Jahres nachhaltig regenerieren kann. Dieser Tag rückt jedes Jahr weiter nach vorne in Richtung Jahresanfang. Konkret bedeutet dies: Seit dem 29. Juli leben die Menschen auf Kosten der zukünftigen Generationen und auf Kosten der Natur. Alle Ressourcen, die seit diesem Tag verbraucht werden, können sich nicht mehr nachhaltig regenerieren und sind damit für die Zukunft verloren.

Der heutige Wohlstand ist ein Wohlstand auf Kosten der Zukunft; Erhards Wohlstand für Alle gilt somit nicht für zukünftige Generationen. Die Folgen der Übernutzung der natürlichen Ressourcen werden uns mehr denn je durch den Klimawandel vor Augen geführt. Wenn die Menschen die Natur weiter in diesem unverträglichen Maß ausbeuten, nehmen sie sich ihre eigene Existenzgrundlage. Das Erhard’sche Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft muss dringend die natürlichen Beschränkungen der Natur berücksichtigen. Im Bereich der Fiskalpolitik hat Deutschland eine Schuldenbremse eingeführt und sich damit selbst die Hände gebunden. Die Schuldenbremse legt fest, dass der Staat keine Ausgaben in einem hohen Maß über seinen Einnahmen tätigen darf. Genauso bedarf es einer ökologischen Bremse, die die Gesellschaft daran hindert, Ressourcen in einem zu hohen Maß zu verbrauchen.

Kein Wachstum ist auch keine Lösung. Die Weltbevölkerung steigt stetig an. Um den Wohlstand zumindest konstant zu halten, muss somit der Kuchen größer werden. Dafür wird ein nachhaltiges, ökologisch vereinbares Wachstum benötigt. Innovationen im Bereich der effizienten Nutzung von Ressourcen sind von größter Wichtigkeit. Es bedarf ebenso neuer Technologien, wie mehr bei gleichzeitig geringerem Ressourceneinsatz produziert werden kann, sowie innovativer Ideen im Bereich des Recyclings.

Wären alle Ressourcen im Überfluss vorhanden, bedürfte es keiner „Ökonomie“, denn diese ist die Lehre von der effizienten Nutzung knapper Ressourcen. Genau hier liegen ihre Stärke und der entscheidende Vorteil einer Marktwirtschaft. Das Profitstreben der Unternehmen führt in einem funktionierenden Markt gerade nicht zu einer Verschwendung, sondern zu einer effizienten Nutzung der Ressourcen. Jede Verschwendung kostet Geld. Da ein Unternehmen seine Kosten minimieren und somit den Gewinn vergrößern möchte, wird es versuchen, jede Vergeudung zu vermeiden. Ludwig Erhard hat dabei die Marktwirtschaft der gewinnorientierten Unternehmen mit dem Etikett „sozial“ dahingehend revolutioniert, dass der Marktmechanismus mit einer sachten Umverteilung einhergeht, die es allen erlaubt zu profitieren. In der heutigen Zeit gilt es, noch einen Schritt weiter zu gehen. Es kommt jetzt darauf an, die natürliche Beschränkung der Natur mit aufzunehmen und diese anreizkompatibel in den marktwirtschaftlichen Prozess zu integrieren. Wir benötigen eine Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft. Diese neue Form der sozialen Marktwirtschaft soll den Wohlstand für wirklich alle, also auch die zukünftigen Generationen, sichern.

Über den Autor

Steffen Zetzmann

Der Autor studiert VWL und Philosophie im Bachelor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Ein besonderes Interesse besteht im Bereich der Makroökonomie, sowie in der politischen Philosophie.

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