Verführt „Wohlstand für alle“ zu Materialismus?

Gerade ist das neueste iPhone erscheinen und vermutlich ein Drittel aller Apple-Nutzer werden es sich kaufen, obwohl ihr „altes“ Handy noch zwei oder mehr Jahre bestens funktionieren würde. Wir sollten uns fragen, ob Ludwig Erhards Aussage, dass es Materialismus im Wohlstand nicht geben sollte, noch auf die heutige Konsumgesellschaft übertragen werden kann.

Es fällt auf, dass auch Personen, die es sich eigentlich nicht leisten können, einen neuen BMW X6 fahren oder mit dem neuesten Smartphone in der Hand in der Straßenbahn sitzen. Materialismus, also die starke Ausrichtung von Menschen auf materiellen Besitz und Wohlstand, der nach außen erkennbar ist, existiert offenbar. Ludwig Erhard schrieb in seinem Buch „Wohlstand für alle“, dass es nur eine soziale Marktwirtschaft vermag, ein Gleichgewicht zwischen Arm und Reich herzustellen. Vermehrter Wohlstand führe nicht zwangsläufig zu Materialismus. Stattdessen finde materielles Denken vor allem an der „Basis“ statt, also in einem Armutszustand, in dem noch die Grundbedürfnisse gesichert werden müssten. Durch genügend Wohlstand würde man sich davon aber distanzieren, mehr auf die eigenen Bedürfnisse achten können und sich seines Selbst annehmen. Mit anderen Worten: Je mehr Produktion, desto mehr Wohlstand, desto weniger Materialismus.

Erhard schrieb also über das materialistische Denken, wenn man an der Armutsgrenze lebt. Besonders in einer solchen Situation ist die soziale Anerkennung und Teilhabe ein wichtiger Faktor im Leben. Ärmere Personen wie Hartz-IV-Empfänger werden beispielsweise von vielen Menschen als „anders“ wahrgenommen. Damit es hierbei nicht zu einer Ausgrenzung kommt, sondern positive Aufmerksamkeit und damit Anerkennung entstehen, können ein übermäßiger Konsum und dabei vor allem ein Fokus auf Markenkleidung und teure Autos die Folge sein. Sie dienen als Statussymbole.

Der Konsum, einschließlich des Konsums von teuren Statusgütern, ist jedoch nichts Schlechtes. Die Menschen kaufen und konsumieren und auf der anderen Seite produzieren und verkaufen die Unternehmen. Ein perfekt eingespielter Wirtschaftskreislauf, der zu mehr Produktion, zu höherer Leistung, zu internationalem Wettbewerb und schließlich auch zu mehr Wohlstand führt. Doch ist der Kreislauf von Konsumieren und Produzieren nur durch den Materialismus möglich? Erhard geht davon aus, dass der Materialismus endet, wenn der Mensch genug Wohlstand besitzt. Im Umkehrschluss gilt, dass, wenn die Menschen ein materialistisches Leben führen, sie nicht genug Wohlstand haben. Wenn materialistischen Handeln jedoch endet, könnte sich die Nachfrage langsam, aber sicher abschwächen. Wo keine Nachfrage, da jedoch auch kein Angebot oder zumindest keine brummende Konjunktur mehr.

Die Menschen streben danach, ihr Leben zu verbessern und zwar ständig. Deshalb kaufen die Verbraucher neben Waren, die ihre Grundbedürfnisse decken, auch Luxusgüter. Gesamtwirtschaftlich führt das Streben nach neuen, besseren und teureren Konsumgütern zu der notwendigen Nachfrage, die den Wirtschaftskreislauf am Leben erhält und Wohlstand schafft. Genau dies klingt aber sehr nach Materialismus oder zumindest einer bestimmten Form des Materialismus. Verführt Wohlstand also zu Materialismus? Ludwig Erhard meinte nein. Wenn mit Materialismus jedoch vor allem der Kauf höherwertiger Produkte gemeint ist, dann hat Materialismus immer stattgefunden und muss es auch weiterhin, um die Wirtschaft am Laufen zu erhalten. Richtig ist aber auch: das Immer-Besser-Höher-Weiter dieser Wachstumslogik muss in der heutigen Zeit kritisch hinterfragt werden. Denn wenn Materialismus bloßes Statusgehabe ist und die Wirtschaft nur dank größtmöglicher Diesel-SUVs funktioniert, dann sollte verstärkt nach Wegen gesucht werden, die ein qualitativ hochwertigeres Wachstum ermöglichen und vielleicht auch die kleinen süßen Elektroautos in Betracht ziehen.

Über den Autor

Leona Strohm

Die Autorin studiert Politik- und Wirtschaftswissenschaften im Bachelor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Dabei interessiert sie sich besonders für wirtschaftsethische Fragestellungen und internationale Politik.

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