Bedingungsloses Grundeinkommen: Geld trotz Faulenzen?

Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) missachte den Aspekt der Leistungsgerechtigkeit – dieser Vorwurf ist in der Diskussion um das BGE, immer wieder zu hören. Aber können wir in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels durch die Industrie 4.0 überhaupt noch von Leistungsgerechtigkeit sprechen?

Das Bedingungslose Grundeinkommen ist sehr umstritten und wird in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft lebendig diskutiert. Es spaltet Parteien und provoziert grundlegende Fragen der Zukunft. Die Debatte um das BGE ist besonders, weil sie sowohl auf einer faktisch-rationalen als auch auf einer emotionalen Ebene stattfindet. Wer soll das BGE finanzieren? Wie möchte ich in Zukunft leben? Und auf welche Träume habe ich bereits aus finanziellen Gründen verzichten müssen?

Es gibt viele verschiedene Modelle, die sich genau um die Finanzierungsfrage drehen. Mehrwertsteuer, Sozialausgaben oder Einkommenssteuer sind nur einige der vieldiskutierten Modelle, um den noch nicht festgelegten Betrag zu finanzieren. Mindestens genauso spannend ist es jedoch, einen Blick in die digitale Zukunft zu werfen.

Der technische Fortschritt und die Digitalisierung machen die Produktion immer effizienter. Immer kreativere Produkte kommen auf die Märkte: von Kühlschränken, die unsere Einkaufsliste auf das Handy schicken, bis hin zu selbstfahrenden Autos. Zugleich macht dieser Fortschritt unsere eigene Produktionskraft immer weniger nötig. Was passiert, wenn diese Entwicklung so weitergeht? Eine Studie der Fraunhofer Gesellschaft zum Thema Elektromobilität in Deutschland besagt, dass in Zukunft rund 75.000 Arbeitsplätze durch neue Technologie wegfallen werden, nachdem jetzt schon 25.000 weggefallen seien. Andere Branchen werden ähnlich betroffen sein. Es kommt zu einer paradoxen Situation: während die Volkswirtschaft als Ganzes von diesen Entwicklungen profitiert, wissen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht, ob ihre Arbeitsplätze auf Dauer erhalten bleiben – von einer leistungsgerechten Entlohnung ganz zu schweigen.

Das Bedingungslose Grundeinkommen kann genau an dieser Stelle helfen, weil es die eigenen Zielsetzungen im Leben von den Arbeitsmarktchancen und vom Erwerbseinkommen abkoppelt. Gesellschaftlich wertvolle Aufgaben, die jedoch im heutigen Wirtschaftssystem nicht entlohnt sind, können verstärkt übernommen werden: die Pflege der Eltern, Hausaufgabenhilfe oder der lang ersehnte Traum vom eigenen Startup. Die Existenzsicherung, die das BGE „bedingungslos“ gewährt, spornt zu neuen Aufgaben an, an die sich viele Menschen vorher nicht getraut haben. Soziales und Kreatives bekommen ohne ökonomische Zwänge eine neue Bedeutung und lassen die Gesellschaft enger zusammenwachsen. Das BGE könnte die Freiheit schaffen, auf die Gesundheit zu achten, indem wir unseren Alltag etwas entschleunigen.

Das Berliner Start-Up Mein Grundeinkommen e.V. beschäftigt sich seit Längerem mit den Auswirkungen, die ein Grundeinkommen mit sich bringt, und deutet dessen erfreuliche Wirkungen an. Obwohl das Unternehmen damit bisher keine „Beweise“ liefern kann, bietet es aber sehr wohl einen kleinen Einblick in den Umgang mit den eignen Vorsätzen. Durch Crowdfunding ermöglicht die Organisation für ein Jahr eine finanzielle Unterstützung von 1.000 Euro im Monat. Die Unterstützten – bisher über 300 Menschen – werden dabei per Los ermittelt. Sehr viele von ihnen haben dabei im direkten Sinne des Wortes das „große Los“ gezogen, wenn sie beispielsweise endlich einen ihrer drei Jobs, die sie bis an den Rand der Erschöpfung ausfüllen mussten, um über die Runden zu kommen, abgeben konnten.

Neben diesen positiven praktischen Wirkungen ist für die digitale Zukunft noch ein anderer Aspekt entscheidend: Das Verringern des Arbeitsangebots würde dazu führen, dass diejenigen, die weiterhin arbeiten können, durch BGE und Lohn derartig viel mehr verdienen, dass sie auch die steuerlichen Belastungen tragen könnten. Sicherlich würden sie auch ihre Arbeitszeit etwas verkürzen, sodass sie auch ein einem gesundheitlichen Vorteil hätten. Eine Verringerung der Wochenstundenzahl kann Stress vorbeugen und damit zu einer besseren Work-Life-Balance führen. Sie tun damit Gutes und profitieren doch selbst von einer glücklicheren Gesellschaft. Eine echte Win-Win-Situation.

Über den Autor

Leona Strohm

Die Autorin studiert Politik- und Wirtschaftswissenschaften im Bachelor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Dabei interessiert sie sich besonders für wirtschaftsethische Fragestellungen und internationale Politik.

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