Was Ökonomen von Marx lernen können – und was nicht

Letztes Jahr jährte sich der Geburtstag von Karl Marx zum 200. Mal. Aber warum sollten Ökonomen sich mit jemandem befassen, der seit über 135 Jahren tot ist und dessen Kernstück seiner ökonomischen Theorie von den meisten als widerlegt angesehen wird? Warum es trotzdem lohnt, sich mit Marx zu beschäftigen.

The past is never dead. It’s not even past

William Faulkner (Requiem for a Nun, 1951)

Viele der von Karl Marx begründeten ökonomischen Theorien, vor allem seine Arbeitswerttheorie, wurden innerhalb der Volkswirtschaftslehre mit wenigen Ausnahmen verworfen oder widerlegt. Seine Texte entsprechen aufgrund der vielen Werturteile nicht mehr dem heutigen gängigen Verständnis von wissenschaftlichem Arbeiten.

Jedoch sollte man bei der Betrachtung seiner Ideen den historischen Hintergrund vor Augen haben. Arbeiter konnten weder streiken, noch sich zu Gewerkschaften zusammenschließen. Durch die Landflucht der Menschen, die in ihren ländlichen Gemeinden keine Arbeit fanden, war auch Marx‘ Theorie einer Reservearmee plausibel: es ließ sich immer ein Arbeitsloser finden, der aufgrund der hohen Konkurrenz zum Subsistenzlohn Arbeit anbot. Diese Ausbeutung leitete Marx im Kontext seiner Arbeitswertlehre als systemimmanent ab. Die Kapitalisten konnten sich demnach den Mehrwert, den die Arbeiter schufen, nahezu vollständig aneignen. Doch wurde diese Theorie vielfach widerlegt, da Marx den Wertbegriff dafür verwendete, die These der Ausbeutung zu belegen und dabei wichtige ökonomische Zusammenhänge, wie z.B. von Preisen und der Einkommensverteilung, überging.

Oft dominiert in der ökonomischen Diskussion über Marx die Auseinandersetzung über die logischen Inkonsistenzen seiner Mehrwerttheorie. Seine umfangreichen historischen Analysen werden dagegen kaum oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Marx‘ Theoriebildung unterscheidet sich – bis auf die Mikrofundierung – grundlegend von den heute vorherrschenden Modellen der Makroökonomie. Bei diesen herrscht in der langen Frist ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht, das durch exogene Schocks verändert wird. Marx hingegen ging davon aus, dass Widersprüche und Interessenskonflikte, die Veränderungen des Systems bedingen, in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systemen selbst enthalten sind.

Dass diese Theorie heute noch aktuell sein kann, zeigt der bekannte Nationalökonom Hans-Werner Sinn nachdrücklich. Er bezieht sich dabei auf Marx‘ Theorie, dass die sozialen und ökonomischen Gegebenheiten das Bewusstsein bestimmen. So argumentierte Marx, dass sich die Basis einer Volkswirtschaft kontinuierlich weiterentwickele, während der Überbau, die herrschende Klasse, unflexibel sei. Irgendwann habe sich die Basis so weit fortentwickelt, dass die veränderten ökonomischen Gegebenheiten zu gesellschaftlichen Spannungen und schließlich zum Sturz des Überbaus führten. Hieraus folge die soziale Revolution. Hier argumentiert Sinn, dass so beispielsweise der Brexit erklären werden könne.

Des Weiteren schreibt Sinn darüber hinaus, dass auch Marx‘ Theorie zum tendenziellen Fall der Profitrate heute noch aktuell sei. Die Profitrate, die heute eher als Rendite bezeichnet wird, falle durch den wirtschaftlichen Fortschritt auf ein immer niedrigeres Niveau. Irgendwann sei die Rendite so gering, dass es sich nicht mehr lohne, weitere Investitionen zu tätigen. An diesem Punkt komme es zu einer Wirtschaftskrise. Aktueller Vertreter dieser Theorie ist zum Beispiel Larry Summers (ehemaliger Finanzminister der USA), der die Weltwirtschaft in einer säkulären Stagnation sieht, bei der die Investitionen die Ersparnisse erheblich unterschreiten. Auch Schumpeter beruft sich in seiner Theorie der Schöpferischen Zerstörung auf Marx‘ Theorie der fallenden Profitrate, welche die Grundlage für die moderne endogene Wachstumstheorie legte.

Somit zeigt sich, dass die Auseinandersetzung mit der ökonomischen Dogmengeschichte beim Verständnis des aktuellen wirtschaftlichen Geschehens hilfreich sein kann. Da wissenschaftliche Ideen immer wieder zurückkehren, hilft das Studium verstorbener Ökonomen bei der Einordnung ökonomischer Theorien.

Über den Autor

Svenja Schwind Svenja Schwind studiert VWL im Master an der Uni Freiburg mit dem Schwerpunkt Finanzwissenschaft. Sie interessiert sich besonders dafür wie mit Hilfe wirtschaftswissenschaftlicher Methoden zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beigetragen werden kann.

2 thoughts on “Was Ökonomen von Marx lernen können – und was nicht

  • 13. August 2019 um 16:57
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    Gerade die Arbeitswerttheorie erlebt doch in den letzten Jahren ein Revival – zumindest im politisch linken Milieu. Hier wird auf vor allem auf die vielen Menschen hingewiesen, die nach wie vor bereit sind, die eigene Arbeitskraft zum Mindestlohn anzubieten. Außerdem sehen wir eine zunehmende Ungleichverteilung der Vermögen (und auch immer mehr der Einkommen). Wer erhält also den Profit? Der neue aktienhandelnde Arbeitnehmer?

    Zur Verlinkung auf Joseph Schumpeter: Hat dieser Karl Marx wirklich „widerlegt“ oder einfach nur seine eigenen Thesen entgegengesetzt? Ich bezweifle zudem, dass Schumpeter seinen Thesen keinerlei Werturteile hinterlegt (was laut Beitrag im Gegensatz zu Marx stehen würde).
    Und: Wo bleibt der Artikel „Was Ökonomen von Schumpeter lernen können – und was nicht.“ 😉

    • 15. August 2019 um 10:41
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      Die Arbeitswerttheorie war im politisch linken Millieu schon immer beliebt, das tut aber nichts zur Sache. Bei der Arbeitswerttheorie geht es weniger um das Abreitsangebot und darum, dass der Arbeitgeber einen wohl nicht einstellen würde, solange man nicht seine Kosten denkt. Es geht um das Transformationsproblem, für das – bis auf wenige Spezialfälle – noch kein konsistentes formales Verfahren gefunden wurde, das erlaubt, die in gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit gemessenen Werte von Waren in Produktionspreise umzurechnen.

      Gerade die Arbeitswerttheorie ist Blind für die Verteilung von Löhnen und Profit – das kam erst bei Sraffa. Bei der Arbeitswerlehre geht es um die Konzentration von Kapital, nicht um die Verteilung des Profits. Die ist Uniform aufgrund des Subistenzlohns (der nichts mit dem heutigen Mindestlohn zu tun hat), der für alle gleich ist.

      Bezüglich der Werturteilsproblematik sind Marx und Schumpeter nicht zu vergleichen. Es geht hierbei auch nicht um absolute Wertfreiheit, sondern um Wertfreiheit im Sinne von Max Weber. Die Ideologiekritik von Marx ist da eine ganz andere Ebene. Was Schumpter dazu gedacht hat findet sich in der History of Economic Analysis in Teil 1 Kapitel 3.

      Die Schwierigkeiten bei Marx sind nicht nur methodologisch wie oben beschrieben, sondern aufgrund seiner Ideologiekritik und dem Determinismus, den sein historischer Materialismus mit sich bringt, auch ontologisch.

      Generell kann ich zu dem Thema folgende Beiträge empfehlen:
      https://blog.zeit.de/herdentrieb/files/2018/04/wirtschaftsdienst_4-2018_Karl-Marx-heute-noch-aktuell.pdf

      Ein Artikel über Schumpeter ist eine nette Idee, die gerne von zukünftigen Blogteilnehmern in Angriff genommen werden kann.

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