„Bullshit Jobs“ – oder: was ist eigentlich der Selbstzweck von Arbeit?

„Die meisten Menschen würden sich beleidigt fühlen, wenn ihnen eine Beschäftigung vorgeschlagen würde, Steine über eine Mauer zu werfen und sie dann wieder zurückzuwerfen, bloß um ihren Lohn damit zu verdienen. Aber viele werden in keiner würdigeren Weise beschäftigt.“ Mit diesem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau lässt sich die Sinnhaftigkeit heutiger „Bullshit Jobs“ recht gut beschreiben. Aber wann ist ein Job objektiv und subjektiv sinnvoll? Und welchen Selbstzweck hat Arbeit, wenn nicht Geld zu verdienen?

Die moderne Wirtschaft wächst und mit ihr die Komplexität ihrer Aufgaben. Wer bei Digitalisierung und Co. mithalten will, muss flexibel sein und sich weiterbilden – soweit das gängige Narrativ. Im Schatten dieser (ver-)komplizierten Arbeit entsteht aber auch eine Reihe an Berufen, die sich hauptsächlich mit dem Ausfüllen von Formularen, Stempeln von Genehmigungen und Häkchensetzen in Excel-Tabellen beschäftigen – sogenannte „Bullshit Jobs“.

„Bullshit Jobs“ bilden das monotone Gegenstück zu Regulierung, Zertifizierung und Bürokratisierung. Sie haben zumeist aufregend klingende englische Namen wie Data Scientist Supervisor oder Facility Hierarchical Storage Manager. Die tatsächliche Tätigkeit dahinter ist jedoch häufig weniger aufregend. Wer sich den ganzen Tag mit Statistiken und Emailverteilern beschäftigt, scheut sich meistens vor der Frage: „Okay, und was machst du da jetzt genau?“.

Bullshit ist ein Massenphänomen

Auch klassische Berufe enthalten immer mehr Bullshit-Tätigkeiten. Als Krankenpfleger rauben neue Evaluationsfragebögen, Ampelsysteme und Formulare wertvolle Zeit, die für die Patientenversorgung so dringend benötigt würde. Auch in der Wissenschaft schrumpft die für Forschung verfügbare Zeit zunehmend durch sinnlose Projektanträge, Vorträge und Berichte: „Es geht um die Zahl der Publikationen und Projekte, aber nicht mehr um den Inhalt, der sich immer öfter als irrelevant herausstellt“, so der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger.

Dennoch hört man selten: „Mein Job ist für mich einfach nur ein Job. Mich erfüllen Dienst nach Vorschrift und ein entsprechendes Gehalt.“ Im Gegenteil: Aussagen zum Selbstzweck und zur Sinnstiftung von Arbeit werden häufiger. Im Fehlzeitenreport 2018 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK geben über 90 Prozent der Beschäftigten an, dass ihnen unter anderem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und eine interessante Tätigkeit wichtiger sind als das Gehalt.

Jobs in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Kultur werden oft als sinnvoll und interessant wahrgenommen. Wenn man sich selbst verwirklichen will und etwas Sinnstiftendes, Erfüllendes zum eigenen Beruf machen will – zum Beispiel als Ärztin, Künstler, Journalistin, Regisseur oder Professorin – steht man häufig erst einmal vor einem Berg unbezahlter Praktika und befristeter Verträge unterhalb des eigenen Qualifikationsniveaus. Es geht hier ja nun mal nicht ums Gehalt, doch um sich ernähren zu können, suchen sich viele Nebenjobs, um die unbezahlte Selbstverwirklichung zu finanzieren. Arbeiten, um arbeiten zu können.

Potenzielle Ansätze zum Umgang mit „Bullshit Jobs“ wären zum einen mehr Anerkennung für Beschäftigte, die ihre Arbeit beispielsweise in 80 Prozent der Arbeitszeit erledigen, deswegen reduzieren und die restlichen 20 Prozent für Freizeiterfüllung nutzen wollen. Darüber hinaus sollte auch die Aussage „das war schon immer so, das machen wir weiter so“ öfter hinterfragt werden, um mehr Innovationen über Hierarchieebenen hinweg sowie Beschäftigungen mit Sinn und Zukunft zu ermöglichen.

Über den Autor

Johanna Racky

Die Autorin studiert BWL im Master an der Uni Freiburg mit dem Schwerpunkt Public and Non Profit Management. Dabei interessiert sie sich vor allem für Digitale Innovationen und Social Entrepreneurship.

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