EiKlaut, but who cares? Von willensschwachen Internetnutzern

Die Ende Mai 2018 in Kraft getretene Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) bietet mehr Sicherheit bei der Verwendung von privaten Daten von Endverbrauchern im Netz. Dennoch ist die Verordnung vielfach kritisiert worden. Dabei ist vor allem unsere permanente Bereitschaft, Daten an iCloud und Co. freizugeben, mitverantwortlich für die Halbherzigkeit dieser Verordnung.

Vor zwei Jahren wurde im EU-Parlament die Europäische Datenschutzgrundverordnung beschlossen. Ihr Ziel ist es, eine zeitgemäße Lösung für die Herausforderungen der fortschreitenden Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in Europa zu bieten. Erst jetzt jedoch rücken die Verordnung und deren Anlass in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, weil sie für jeden einzelnen Internetnutzer spürbar werden – durch jede Menge Emails von Firmen und Institutionen, die danach fragen, ob man weiterhin ihre Newsletter empfangen möchte.

Ein zentraler Grund, warum die Verordnung nötig wurde, ist das Sammeln und gezielte Verwerten privater Nutzerdaten in sozialen Netzwerken, Clouds oder Suchmaschinen. Mittels Daten aus diesen Quellen können Internet-Dienstleister Onlineverhalten analysieren und optimal auf die Nutzer zugeschnittene Werbeanzeigen schalten. Statt eines allzu dreisten Sammelns derartiger Nutzerdaten soll es ab sofort geregelter und übersichtlicher vonstattengehen. Doch dies ist für die meisten Privatpersonen ohne Bedeutung, denn selbst mit einem gestiegenen Bewusstsein für den Datenschutz dürfte sich nichts an ihrem Verhalten im Netz ändern.

Anfang Dezember 2016 gab es beispielsweise einen Artikel über das Abgreifen von Facebook-Daten durch die damals noch weitgehend unbekannte Firma Cambridge Analytica und deren angebliche Beeinflussung der politischen Einstellung von Wählerinnen und Wählern bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016. Der Bericht rief starke Reaktionen hervor und wurde in vielen Online-Beiträgen großer Zeitungen heftig diskutiert. Was bei der Kritik an der Beeinflussung einer bedeutenden Wahl völlig außer Acht blieb, war, dass Unmengen an Daten von Nutzerinnen und Nutzern ohne deren Wissen und ohne die Möglichkeit einer Intervention abgeschöpft wurden. Erst im Frühjahr 2018 erreichte dieser Datenmissbrauchskandal eine angemessene Aufmerksamkeit.

Dies ist nur eines von vielen aktuellen Beispiele dafür, wie fahrlässig mit persönlichen Daten online umgegangen wird – sowohl von Firmen als auch von Privatpersonen. Trotz einer umfangreichen Berichterstattung, die bei jedem Datenskandal neu beginnt, ist das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Themas Datensicherheit bei Verbrauchern noch sehr schwach ausgeprägt. Zwar liefern die personalisierten Angebote von Online-Dienstleistern für jeden Nutzer optimierte Ergebnisse, den dafür zu zahlenden Preis können die meisten aber nicht beurteilen. Da man keine direkten Kosten der Datenfreigabe spürt, erkennt man auch viel zu selten die Notwendigkeit einer strikten Verhaltensänderung hin zu mehr Datenvermeidung und Datensparsamkeit.

Damit stellt sich die zentrale Frage, wie man Individuen dazu bringen kann, sich tiefergehend mit ihren privaten Daten und deren Wert für sie selbst zu befassen. Nur wenn das eigene Verhalten reflektiert und angepasst wird, kann dem Handel mit Daten von Nutzerseite etwas entgegengesetzt werden. Dafür ist es notwendig, dass wir anfangen, uns für die Daten, die wir unüberlegt weiterreichen, mehr zu interessieren.

Gerade, wenn Dienstleistungen mit einer steigenden Anzahl an Nutzerdaten besser werden, fällt es schwer zu verstehen, wieso man diese Angebote nicht wahrnehmen sollte. Um soziale Teilhabe zu erfahren, besteht auf gesellschaftlicher Ebene ein scheinbarer Zwang zur Nutzung der Dienste: Für viel zu viele Menschen geht es heutzutage kaum noch ohne Facebook und WhatsApp. Aber dies folgt nicht zwangsläufig, vielmehr sind Bequemlichkeit, Ignoranz und mangelnde Aufklärung wichtige Gründe, warum wir meinen, ohne diese Dienste nicht auszukommen. Deshalb ist Bildung der Punkt, an dem angesetzt werden sollte, um das individuelle Datenschutzproblem zu bewältigen. Erst wenn die Relevanz der allgegenwärtigen Datenweitergabe und des daraus folgenden Datenschutzproblems intensiver vermittelt und allen Internetnutzern durch strengere Verordnungen und zeitgemäße Bildungsreformen nähergebracht wird, kann sich das Nutzerverhalten möglicherweise ändern.

Die DSGVO stellt einen ersten Schritt der Regulierung auf europäischer Ebene dar, doch solange wir nicht anfangen, uns für die von uns im Netz wahllos verteilten Informationen zu interessieren, hilft auch keine noch so umfassend ausgearbeitete Datenschutzgrundverordnung, um den digitalen Großkonzernen und ihrer Datensammelwut Einhalt zu gebieten.

 

Beitragsbild: Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin Elisabeth Articus, elliarticus@googlemail.com, https://mutzurwut.com/category/2015/

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Jakob Guttenbacher

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