Wirtschaftswissenschaft und Ethik: Getrennte Welten?

Die Wirtschaftswissenschaften und die Ethik werden gemeinhin wie strikt getrennte Disziplinen behandelt. Gerade Ökonomen neigen häufig dazu, ethische Fragen aus ihren Untersuchungen fern zu halten. Zu Unrecht. Ethik gehört in das wirtschaftswissenschaftliche Studium!

Die Ethik – einstmals Grundlagendisziplin der Ökonomik – spielt heute in den allermeisten wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen nahezu keinerlei Rolle mehr. Wirtschaftsethische Fragen werden fast gar nicht thematisiert. Selbst dann nicht, wenn man sich in ökonomischen Untersuchungen – häufig unbewusst – ethischer Kriterien bedient, um bestimmte Vergleiche und Bewertungen anstellen zu können.

Diese ethisch unreflektierte Herangehensweise an ökonomische Fragen erweckt den Eindruck, ethische Fragen seien für wirtschaftliche Zusammenhänge unwichtig und können somit ohne weiteres vernachlässigt werden. Doch das stimmt nicht. Zum einen, weil dadurch das eigene werthaltige Fundament der wirtschaftswissenschaftlichen Analysen unhinterfragt bleibt. Zum anderen, weil die zentralen Fragen nach dem Sinn und der Legitimität wirtschaftlichen Handelns auf der Strecke bleiben und das wirtschaftliche Denken dadurch blind bleibt für wichtige Aspekte des Wirtschaftens.

Reflexion der eigenen Werthaltigkeit

Die Wirtschaftswissenschaft ist eine Sozial-, keine Naturwissenschaft und hat sich als solche mit Fragen eines gelungenen Wirtschaftens in menschlichen Gemeinschaften auseinanderzusetzen. Was dieses gelungene Wirtschaften ausmacht, kann niemals wertfrei beantwortet werden. So kommt auch die moderne Wirtschaftswissenschaft – trotz ihres scheinbar wertneutralen mathematischen Gewandes – immer wieder zu werthaltigen Schlussfolgerungen.

Diese ergeben sich aus den Annahmen, die ihrer Modelle zugrunde liegen und den Bewertungskriterien, anhand derer verschiedene Zustände bewertet werden. Unterschiedliche Annahmen und unterschiedliche Kriterien führen zu unterschiedlichen Aussagen der theoretischen Modelle und auch zu unterschiedlichen Bewertungen. Im Studium finden diese meistens im Rahmen von sogenannten Wohlfahrtsanalysen statt. Dabei orientiert man sich nahezu ausschließlich an einem Wohlfahrtskriterium, das den Nutzen und die Kosten für verschiedenste Menschen schlicht und einfach aufsummiert und dabei die Rechte Einzelner genauso ausblendet wie Verteilungsfragen.

Wertfrei ist dies keineswegs! Im Gegenteil: Es trägt zur Verbreitung fragwürdiger (werthaltiger) Vorstellungen bei. Um eine ökonomische Untersuchung also in Bezug auf praktische, wirtschaftspolitische Fragen einordnen und interpretieren zu können, bedarf es einer grundlegenden ethischen Diskussion – nicht zuletzt auch bezüglich der eigenen Werthaltigkeit ökonomischer Analysen.

Wiedergewinnung der ethischen Perspektive

Sobald man nicht mehr zwanghaft versucht, Ethik aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium fernzuhalten, öffnet sich auch endlich wieder der Blick bezüglich Sinn und Legitimität wirtschaftlichen Handelns. Die Wohlfahrtskriterien müssen nicht mehr vom Himmel fallen, sondern können kritisch diskutiert werden. Das Augenmerk ökonomischer Untersuchungen muss sich nicht mehr einseitig und ausschließlich auf materielle Größen beziehen. Wo zuvor alles verlorenging, was nicht in Zahlen messbar ist, kann nun der Bezug zu den zentralen Fragen eines im umfassenden Sinne gelungenen Wirtschaftslebens wiederhergestellt werden.

Damit öffnet sich auch wieder der Blick für Aspekte des Wirtschaftens, die in aller Regel überhaupt nicht im Studium auftauchen und dennoch für die Lebensrealität der Menschen eine wichtige Rolle spielen: Gerechtigkeitsfragen. Fragen, die sich auf die Auswirkungen des Wirtschaftens auf Tiere und Umwelt oder die Kommerzialisierung unserer Lebenswelt beziehen. Fragen wie die nach dem Eigenwert der Arbeit und vieles andere mehr.

Gelungenes Wirtschaften kann man nicht allein an der Größe und effizienten Herstellung des Endproduktes bemessen. Ein derartiges ökonomisches Verständnis, das ethische Fragen schlichtweg ausblendet, greift bei weitem zu kurz und verliert seine praktische Relevanz. Indem man ethische Fragen konsequent in das wirtschaftswissenschaftliche Studium integriert, tritt man dem entgegen und erreicht darüber hinaus eine stärkere Orientierung des Studiums an der Lebenswirklichkeit der Menschen und Studenten.

Über den Autor

Sebastian Richter Sebastian Richter studiert Volkswirtschaftslehre (B.Sc.) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Interessen liegen dabei insbesondere im Bereich der Wirtschaftspolitik und der Wirtschaftsethik.