Das Auto ist kein Freiheitsindikator

Ralf Rienäcker fordert auf diesem Blog das Ende der ideologischen Drangsalierung des deutschen Autofahrers. Und das in dem Land, in dem Autofahren, wenn nicht Teil der DNA, dann zumindest Teil der Lederhosen-Leitkultur ist. Eine Replik.

Verkehrte Welt im Autoland: Ein überparteilicher Konsens zur Beendigung des Individualverkehrs wird ausgerufen. Wohl kaum; ist das doch eher der Traum eines Ultra-Grünen, jedoch mitnichten allgemeines Einvernehmen. Von den Klimazielen 2020 hat sich die Politik verabschiedet. Fährt er keinen Diesel, hat der deutsche Autofahrer wenig zu befürchten.

Im europäischen Vergleich liegen die Abgaben für die Besitzer eines PKW in Deutschland deutlich unter dem Durchschnitt. Nutzungsorientierte Abgaben hat der Privatfahrer nicht zu befürchten. Es gibt keine Autobahn-Maut für PKW, wie in anderen Ländern üblich. Wer schon mal in Frankreich unterwegs war, weiß es zu schätzen, dass sich dort nicht die LKW-Kolonne just-in-time ein Elefantenrennen liefert. Stattdessen fährt man ganz individuell durch blühende Landschaften. Eine Reiseempfehlung an alle Autoromantiker. Übrigens: auch Bahnfahren wird über die Mehrwertsteuer besteuert.

Trotz neuer Straßen und Autobahnen gibt es immer mehr Staus. Ein Platzproblem also? Die Just-in-Time-Organisation der deutschen Wirtschaft hat deren ehemalige Lagerhallen auf die Straße gebracht. Die Straße wurde zum Wettbewerbsvorteil und ihre Nutzung als Lager ging in Gewohnheitsrecht über. Dadurch ist der deutsche Autofahrer drangsaliert. Zumal die Autobahnen durch den Transitverkehr weiterer europäischer Transportunternehmen immer höher belastet werden. E-Highways und LKW-Platooning sind die Antworten, um das Platzproblem in den Griff zu kriegen. Platooning ist im Prinzip das System der Bahn: Aneinanderreihen von Waggons.

Die Werbung der Bahn verspricht 100 Prozent Ökostrom. Ob das stimmt oder nicht: Die Bahn hat ein grüneres Image als die Autobauer. Zwar ist die Auslastung vieler Züge nicht optimal – die Auslastung vieler PKW jedoch auch nicht. Die CO2-Bilanz der Bahn ist immer noch besser als die des Autos. Die Autobranche setzt nun auch auf Elektrizität. Strom ist jedoch nicht zwingend ökologisch. Weder bei der Bahn noch beim Auto.

Raucher drangsalieren Nichtraucher und machen sie krank. Folgerichtig wurden Raucher aus Kneipen verbannt. Dieselfahrer drangsalieren Stadtbewohner und machen sie krank. Die absehbare Konsequenz ist klar und richtig: entweder saubere Technologien oder raus aus den Städten! Die angestoßene Diskussion um kostenlosen ÖPNV ist ein richtiger Schritt.

Hach ja, das Auto… Natürlich kommen wir uns frei vor, wenn wir ins Auto steigen und gegen jede Vernunft spontan ans Meer fahren. Dieser Freiheitsbegriff ist jedoch äußerst materialistisch. Und mit der Freiheit kommt die Verantwortung. Zum Beispiel für die Gesundheit aller und für das Klima. Selbstverständlich wäre es schön, wenn Bahnprojekte sinnvoll wären und funktionierten. Aus dem Scheitern einer nachhaltigen Bahnpolitik jedoch die Renaissance des Autos zu fordern, ist rückwärtsgewandt. Im städtischen Raum wird es möglicherweise mittelfristig keine Autos mehr geben und das ist gut so. Die Bahn, das Fahrrad, das E-Bike und – Achtung! –  der Segway sind vorhandene Alternativen.

Über den Autor

Benedikt Hummel Benedikt Hummel studiert Englisch sowie Politik- und Wirtschaftsswissenschaften auf Lehramt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Schwerpunkte setzt er dabei auf die Politik- und Witschaftsdidaktik.