Wenn Glaube teuer wird: Ist die Kirchensteuer noch zeitgemäß?

Die deutschen Kirchen nehmen jährlich mehrere Milliarden Euro an Kirchensteuern ein. Hinzu kommen Subventionen vom Staat. Seit Jahrzehnten finanzieren das Volk und der Staat die durchaus umstrittene Lebenswelt und den Reichtum der Kirchen. Kann man die Kirchensteuer heutzutage noch rechtfertigen, sollte man sie modernisieren oder gleich abschaffen?

Am Ende jedes Monats, wenn die Gehaltsabrechnung vor einem liegt, ist das Bruttogehalt stets um einen erheblichen Betrag geschrumpft: die Kirchensteuer. Obwohl sie im Grundgesetz verankert ist, wirkt sie heute genauso veraltet und altertümlich wie sie als Erfindung des 19. Jahrhundert tatsächlich ist. Das Grundproblem ist, dass es sich im engeren Sinne eigentlich gar nicht um eine Steuer, sondern um einen wie eine Steuer erhobenen Mitgliedsbeitrag handelt. Die Zeit für eine Überarbeitung scheint reif zu sein.

In früheren Zeiten spielte die Kirche eine wichtige Rolle für die Bürger und besaß ähnlich viel Macht und Einfluss wie der Staat. Das war einmal. Die Kirche verliert zunehmend an Bedeutung und füllt ihre heiligen Hallen höchstens noch zur Weihnachtszeit. Der Trend geht immer weiter von der Kirche weg. Dennoch gehört Deutschland zu den wenigen verbliebenen Ländern in der EU, die am System der an der Quelle einbehaltenen Kirchensteuer festhält und den christlichen Kirchen damit eine herausgehobene Stellung im Staat zumisst. Die Entwicklung und die Stellung der Kirche stimmen nicht mehr überein. Andere Hilfsorganisationen wie z.B. das Rote Kreuz sind für das gesellschaftliche Wohl ebenso unverzichtbar und werden vor allem durch private Spenden, öffentliche Zuschüsse und vertraglich geregelte Kostenerstattung bzw. Aufwandsentschädigung für geleistete Aufgaben finanziert. Für sie ist es also sehr viel schwieriger, die gleichen Einnahmen zu erzielen.

Neben der Frage, ob die Kirchen weiterhin derartig prominent neben dem Staat stehen sollten, ist zu klären, ob ihre Einnahmen in der heutigen Zeit noch angemessen sind. Diese Einnahmen betrugen im Jahr 2016 insgesamt 11,6 Milliarden Euro aus der Kirchensteuer, wovon 5,45 Millionen Euro an die evangelische und 6,15 Millionen Euro an die katholische Kirche gingen. Man mag diese Einnahmen nun als Mitgliedsbeiträge zählen und unproblematisch finden, doch ihnen stehen noch staatliche Zuflüsse von jährlich rund 19 Milliarden Euro über eine direkte und indirekte Subventionierung zur Seite.

Durch seelsorgerische und karitative Arbeit tragen die Kirchen einen wichtigen Teil zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Unter anderem durch ihre Gemeindearbeit, Kindertagesstätten und Pfarrdienste. Doch die Kirchen könnten auch als ein eigenständiges Unternehmen angesehen werden. Sie besitzen unter anderem 87.000 Immobilien, 830.000 Hektar Land und tätigen umfangreiche Investitionen in Banken, Filme oder Hotels. Ihr Umsatz ist mit dem Inlandsumsatz der Autoindustrie vergleichbar. Mehrere Diözesen haben Vermögen in Höhe von mehreren Milliarden Euro aufgebaut. Die Kirchen sind – zu – reich. So reich, dass sich eine sehr lockere Einstellung zum Geld eingestellt hat. Das Spitzenbeispiel ist und bleibt der Limburger Residenzbau. Der dortige Bischoff Tebartz-van Elst gab mehr als 30 Millionen Euro statt der geplanten 5,5 Millionen Euro für den Bau aus, wobei viele Mehrausgaben extravaganten Sonderwünschen geschuldet waren. Mit gemeinnütziger und sozialer Arbeit hat dies nichts zu tun, offenbar aber mit erheblichen Vermögensreserven, die auf den Konten der Kirchen schlummern und nicht in das Gemeinwohl investiert werden.

So kommt es dazu, dass immer mehr Mitglieder aus den Gemeinden austreten und ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit aussenden. Zu viele Skandale, nicht nur finanzielle. Die Kirchen müssen ihre grundlegenden Strukturen ändern und modernisieren, um diesen Trend aufzuhalten. Einen echten Schnitt könnten sie dadurch erreichen und gut sichtbar dokumentieren, wenn sie dafür eintreten würden, die Kirchensteuer von der Einkommensteuer zu entkoppeln. Dies würde gänzlich neue Anreize für die Kirchen setzen, die dann viel stärker um ihre Mitglieder werben müssten. Denn die Alternative zur Kirchensteuer wäre ein wirklich freiwilliger Kirchenbeitrag, bei dem jeder Bürger das zahlt, was er als angemessen erachtet.

Über den Author

Mona Reichmann Mona Reichmann studiert im M.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Als Schwerpunkte im Studium wählte sie Steuern, Finanzen und Wettbewerbspolitik.