Unser täglich Talk gib uns heute: Sind Polittalks nur Unterhaltung oder ökonomisch relevant?

Sie heißen „Menschen bei Maischberger“, „Hart aber fair“ oder „Anne Will“. In Deutschland wird auf allen Kanälen getalked – sehr zum Missfallen vieler Ökonomen. Sie monieren, dass die TV-Debatten selten inhaltsvoll sind und zulasten einer qualitativen, wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung gehen. Ein Plädoyer für eine neue Diskurs-Kultur.

Trumps Präsidentschaft, der Brexit oder der syrische Bürgerkrieg. Derzeit mangelt es nicht an politischen Themen von öffentlichem Interesse. Man wünscht sich intellektuelle Gäste, die uns diese Geschehen nicht nur politisch erklären, sondern empirisch fundierte Standpunkte einnehmen und wirtschaftspolitische Folgerungen und Lösungen präsentieren. Man will nicht nur wissen, wie es zum Brexit kam, sondern auch welche Folgen er für Europas Wirtschaftspolitik hat. Doch es fehlt an führenden Vertretern der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaften im Polittalk.

Nicht Wirtschaftswissenschaftler oder kritische Geister, die kompetent etwas zum Thema Wirtschaft sagen könnten, stehen dann im Vordergrund, sondern Gäste, die nach den Kriterien der Prominenz und der Talk-Eloquenz ausgewählt wurden. Statt eines Querdenkers wie Jean-Paul Sartre, der im Algerienkrieg die wirtschaftlichen Triebkräfte des Kolonialismus untersuchte, bekommt der deutsche Fernsehzuschauer bestenfalls die Talkshow-Allzweckwaffe Richard David Precht serviert, der alles zu allem sagen kann und dabei zur Freude der verantwortlichen Redakteure immer sehr gut „herüberkommt“.

Die Ausrichtung der Sendungen auf ein Massenpublikum, um „Quote“ zu machen, beeinflusst auch die Sprachwahl im Polittalk. Um vor den Zuschauern zu überzeugen, wird besonders bei Politikern Sprachhandeln inszeniert. Wörter, die im eigentlichen Sinne nicht politisch sind, werden aus ihrem eigentlichen Zusammenhang gelöst und erhalten somit eine zusätzliche Semantik wie das Wort „Rettungsschirm“. Es wird also der Versuch unternommen, die Gesprächssituation aktiv und gezielt in der beabsichtigten Weise durch sprachliche Äußerungen zu verändern. Das Ziel der Politiker ist es dabei, die Einstellung der Zuschauer zu beeinflussen und vor allem Vertrauen in die Richtigkeit des Gesagten zu schaffen.

So finden auch immer wieder Argumentationsfiguren Eingang in die Debatten, die dem Zuschauer vertraut vorkommen und für den Talkgast einnehmen sollen. Leider schließt dies allzu oft auch Thesen ein, die in der wissenschaftlichen Diskussion schon lange keine Vertreter mehr finden. Beispielsweise wird immer wieder die Kaufkrafttheorie der Löhne bemüht, um besonders bei gewerkschaftsnahen Kreisen Anklang zu erzeugen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht wird ihre Stichhaltigkeit jedoch seit Langem bezweifelt. Ohne einen Ökonomen in der Talkrunde wird diese Tatsache für den Zuschauer jedoch nicht erkennbar; der Zuschauer nimmt den wohligen Eindruck mit, dass man nur die Löhne (einschließlich des eigenen) kräftig erhöhen müsse, um die Gesamtwirtschaft wieder in Fahrt zu bringen.

So sehr die Kritik vieler Wirtschaftswissenschaftler einleuchtet, so sehr wird dem Talkshow-Format auch Unrecht getan. Immerhin kann man in heutiger Zeit froh sein, dass im Fernsehen zur besten Sendezeit überhaupt noch über Politik und Wirtschaft debattiert wird. Denn über weite Strecken hat sich selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm trotz anderslautenden Informations- und Bildungsauftrags längst zu einer Ansammlung von unseriösen Reality-Shows entwickelt; politische Inhalte sieht man viel zu selten.

Dabei wird die Qualität einer Politshow nicht nur von seinen Gästen, sondern auch von der Moderation bestimmt. Bundestagspräsident Norbert Lambert scheint es „die wichtigste Aufgabe des Moderators [zu sein], spätestens dann einzugreifen, wenn sich zu einem ernsthaften Thema eine ernsthafte Debatte entwickelt“. Denn eine zu hohe Komplexität könnte die Zuschauerquote gefährden. Dabei hat der typische Moderator keine Meinung und macht keinen Ärger, vor allem hat er keine Ahnung. Der Statistiker Wolfgang Brachinger spottete schon vor Jahren in einem immer noch lesenswerten Beitrag, dass es in deutschen Talkshows möglich wäre, selbst einen „Laienstatistiker wie [Thilo] Sarrazin als Zahlenfreak [zu] diskreditier(en)“.

In US-Talkshows kennt der Zuschauer dagegen eine scharfe Positionierung der Moderatoren. Amerikanische Moderatoren wie Anderson Cooper oder Charlie Rose schaffen es, Brisanz herzustellen und Profil zu zeigen. Wer von anderen Meinung verlangt, muss auch selbst eine haben.

Doch nicht nur gute Moderatoren fehlen, sondern auch Abwechslung. Häufig findet man auf den Studiosesseln die immer selben Menschen, deren Meinungen in der Regel im Vorhinein allseits bekannt sind. Damit wird jegliche inhaltliche Überraschung ausgeschlossen, was für die schwachen Moderatoren angenehm, für die Sendung aber tödlich ist.

Auch die Themenwahl spiegelt diese Monotonie wider. Eine Studie des SPD-Abgeordneten Marco Bülow hat festgestellt, dass sich in eineinhalb Jahren fast jede zweite Sendung mit dem Themenkomplex Islam und IS-Terror befasst hat. Die Quotenfixierung bedingt weiterhin, dass populäre Themen schwierigen, aber wichtigen Themen wie z.B. der Geldpolitik der EZB vorgezogen werden. Dies steigert das Interesse des Publikums an Politik nicht, sondern verstärkt vielmehr den Trend zur Entpolitisierung.

Die Lebhaftigkeit der ökonomischen Debatte und die Lust, die Wirklichkeit mit ökonomischen Mitteln zu durchdringen, scheinen im deutschen Fernsehen Mangelware zu sein. Was könnte es für eine spannende Runde sein, wenn Adam Smith, John Maynard Keynes, Milton Friedman und Walther Eucken an einem Tisch über die Nullzinspolitik der Zentralbank streiten würden! Aber wohl nicht im deutschen Fernsehen…

Bis dahin, die nächste Sommerpause kommt bestimmt.

 

Beitragsbild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 wikipedia.org, eigene Bearbeitung des Originals

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Laura Haberstroh

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