Das Bruttoinlandsprodukt in der Kritik: Ist mehr wirklich besser?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird in der Politik, den Medien und der Öffentlichkeit als der beste Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft angesehen. Es gibt jedoch immer mehr Kritik daran. Ist das BIP wirklich der beste Wohlfahrtsindikator oder gibt es andere, möglicherweise bessere Indizes?

Das Bruttoinlandsprodukt ist aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung entstanden und wird bereits seit der Zeit des Zweiten Weltkriegs eingesetzt. Es wurde aber ursprünglich nicht eingeführt, um den Wohlstand einer Gesellschaft zu messen, sondern um darzustellen, wie viel in einer Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres produziert worden ist. Dies entspricht der Vorgehensweise, die auch heute noch von Statistikern und anderen Experten angewendet wird. Trotzdem wird wie selbstverständlich angenommen, dass es der Bevölkerung in einem Land mit einem höheren BIP besser geht als der in einem Land mit niedrigerem BIP.

Ein Problem des BIP ist, dass es nicht alle in einer Volkswirtschaft getätigten Leistungen umfasst. So werden beispielsweise privat erbrachte soziale Leistungen wie Erziehung oder Altenpflege nicht erfasst. Außerdem kann der informelle Sektor, der in vielen ärmeren Ländern der Welt einen großen Teil der Wirtschaftsleistung ausmacht, nicht im BIP berücksichtigt werden. Zudem ignoriert das BIP ökologische Schäden. Eine umweltschädliche Aktion kann problemlos positiv in das BIP eingehen, zugleich aber große Schäden in der Natur hinterlassen, die sich im Endeffekt negativ auf das Wohlergehen der Menschen auswirken.

Des Weiteren sagt das BIP nichts über die Verteilung der Einkommen und Vermögen innerhalb eines Landes aus. In einer Gesellschaft mit sehr wenigen Reichen und sehr vielen Armen kann das BIP pro Kopf hoch sein, obwohl es dem Großteil der Bevölkerung schlecht geht. Außerdem sinkt der Grenznutzen bei steigendem Einkommen. Das heißt, dass der zusätzliche Nutzen eines weiteren Euro an Einkommen bei einem Reichen geringer ist als bei einem Armen. Zusätzliches Einkommen kann sogar zu einer Last werden, wenn beispielsweise ein Lotteriegewinner aufgrund seines Gewinns seinen Job kündigt und damit soziale Kontakte verliert oder wenn von ihm erwartet wird, dass er seinen Gewinn mit anderen teilt. Ein steigendes BIP wird dann nicht als „besser“ empfunden.

Schon seit vielen Jahren werden deshalb alternative Wohlstandsmaße erforscht. Derzeit sind Beispiele für populäre Alternativen die Maße der Glücksforschung oder der Happy Planet Index sowie der Human Development Index. Sie umfassen nicht nur die Wirtschaftsleistung, sondern auch das subjektive Wohlbefinden der Bevölkerung sowie den ökologischen Fußabdruck und die Lebenserwartung der Menschen.

Das BIP komplett aus den Indizes zu streichen, wurde schon oftmals vorgeschlagen, ist jedoch keine gute Idee. Mehr Einkommen führt in den meisten Fällen durchaus zu mehr Glück. Die Menschen können sich durch ein höheres Einkommen mehr leisten und haben somit mehr Freiheiten. Zudem sind in Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen demokratische Systeme leichter aufrecht zu erhalten und das Gesundheitssystem ist besser. Das führt wiederum zu einer glücklicheren Bevölkerung. Deshalb sollte das BIP weiterhin ein Bestandteil bleiben, es eignet sich aber nicht als alleiniges Wohlstandsmaß. Es wäre gut, wenn die vorgeschlagenen alternativen Indizes nicht nur von Wissenschaftlern erforscht, sondern auch von der Politik, den Medien und der Öffentlichkeit als relevantes Wohlstandsmaß berücksichtigt würden.

Über den Author

Lukas Pohn Lukas Pohn studiert Volkswirtschaftslehre im Bachelor an der Albert-Ludwigs Universität Freiburg. Seine Hauptinteressen im Studium sind Wirtschaftspolitik und Nachhaltige Entwicklung.

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