Was darf Satire? Anmerkungen zur satirischen Darstellung der Flüchtlingskrise

Satiriker sprechen Themen in einer überzogenen Deutlichkeit an, die sich in einer „politischen korrekten“ Umwelt kaum jemand mehr traut. In einer zunehmend heterogenen Gesellschaft gibt es jedoch Punkte, an denen sie sich aus Anstand zurückhalten sollte. Die Karikaturen zum ertrunkenen Flüchtlingskind Aylan zeigen dies deutlich.

„Was darf Satire? Alles.“ Kurt Tucholsky hatte vor etwa einem Jahrhundert eine deutliche Meinung zur Satire. Auch heute ist diese Thematik noch höchst aktuell. Mutige, oft auch freche Veröffentlichungen zu heiklen, aber gesellschaftlich relevanten Themen lassen sich in Zeitschriften, Zeitungen und auch Online-Blogs auffinden. Sie richten sich auf den ersten Blick an die Politik, an religiöse Institutionen oder auch an bestimmte Bevölkerungsgruppen, aber sie haben letztlich die gesamte Gesellschaft zum Ziel.

Zwei Karikaturen zu Aylan Kurdi haben in den vergangenen Monaten zu kontroversen Diskussionen geführt. Der Flüchtlingsjunge kam auf der Flucht über Mittelmeer um und sein lebloser Körper wurde an die türkische Küste geschwemmt. Nach dem Vorfall in Bodrum veröffentlichte die Satirezeitschrift Charlie Hebdo eine Karikatur, in der Aylan am Strand abgebildet ist und als McDonald’s Kindermenü dargestellt wird. Laurent Sourrisseau, Karikaturist bei Charlie Hebdo, lieferte nach den Vorfällen der Silvesternacht 2015/16 in Köln eine weitere Karikatur ab, die einen Zusammenhang zu Aylan herstellt. Unter der Überschrift „Migranten“ ist Aylan auf dieser Karikatur als Erwachsener abgebildet und wird als ‚Grabscher in Deutschland‘ bezeichnet.

Dieses zeigt die typische Herangehensweise von Satirikern, um Gesellschaftskritik oder Kritik an speziellen Ereignissen und Situationen zu äußern: Der Betrachter wird emotional involviert (zumeist dadurch, dass er sich über die Karikatur aufregt) und gezwungen, Stellung zu beziehen (in der hoffentlich erwünschten Weise). Die Problematik bei dieser Vorgehensweise ist offensichtlich: die angesprochenen Personen oder Gruppen bewerten die Satire oder Karikatur als Beleidigung, was nicht selten zu unangenehmen Reaktionen führt. Besonders provokante Satiriker werden beschimpft und sind oft geradezu verhasst.

Dieser Effekt wird in einer heterogenen Gesellschaft noch verstärkt. Ob durch den familiären Hintergrund oder die schulische Erziehung, es gibt keine einheitliche individuelle Entwicklung der Persönlichkeiten einer modernen Gesellschaft. Gerade diese Heterogenität führt zu den sehr unterschiedlichen Reaktionen in Folge einer Satire-Veröffentlichung. Was von einer Bevölkerungsgruppe als positiv aufgefasst wird und Zustimmung erhält, wird von der anderen Gruppe als Zumutung empfunden. Anders als früher jedoch lassen sich diese Reaktionen auch von den Satirikern selber nicht mehr vorhersehen. Allzu oft kommt der Zorn von Gruppen der Gesellschaft, die gar nicht die Adressaten der Satire waren.

Gerade bei religiösen Themen stößt Satire daher an seine Grenzen. Die Sensibilität, die Menschen im Hinblick auf ihre religiösen Gefühlen aufweisen, bei einer gleichzeitig stark gestiegenen Zahl verschiedenster religiöser Einstellungen zeigt deutlich, dass Satire immer öfter am eigentlichen Ziel vorbeischießt. Zwar wünscht man sich vom Publikum eine differenzierte Betrachtung und eine unvoreingenommene Bewertung der satirischen Veröffentlichungen, da diese eine überkritische Rezeption aufheben würde, aber es ist zweifellos auch eine Verantwortung des Satirikers, sich vorab über mögliche Reaktionen Gedanken zu machen. Grundsätzlich sollte er sich zu Herzen nehmen, dass Kritik an religiösen Institutionen nur solange gerechtfertigt wird, wie die Religion an sich nicht verspottet wird. Dabei darf man durchaus vom Satiriker erwarten, dass er sich des Grundsatzes „Der Empfänger bestimmt die Botschaft“ bewusst ist.

Satire ist erlaubt – auch in einem religiösen Kontext! Doch einen toten Flüchtlingsjungen zu verspotten, sprengt den Rahmen des Akzeptablen gewaltig und verletzt religiöse Gefühle. Der Satiriker von Charlie Hebdo spricht ein überaus wichtiges gesellschaftliches Problem im Umgang mit Flüchtlingen an, doch er tut es in einer Weise, die – bei allem Recht auf freie Meinungsäußerung – letztlich nur als menschenverachtend bezeichnet werden kann. Ein wirklich guter Satiriker hätte eine andere Darstellung gefunden, um den gleichen gesellschaftlichen Missstand anzuprangern.

Über den Author

Guelistan Karaca Gülistan Karaca studiert im M.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und arbeitet als studentische Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Günter Knieps am Lehrstuhl für Verkehrswissenschaften und Regionalpolitik. Die Wirtschaftsphilosophie und die Ordnungspolitik liegen in ihrem Interessenbereich.

3 thoughts on “Was darf Satire? Anmerkungen zur satirischen Darstellung der Flüchtlingskrise

  • 7. September 2016 um 21:18
    Permalink

    Über schlechten Geschmack lässt sich trefflich streiten. Außerdem muss der Karrikaturist häufig Grenzen überschreiten, damit der Betrachter überhaupt erst zum Nachdenken angeregt wird.

    Das Verspotten von Religionen und ihren Glaubensinhalten ist eines der Kerngeschäfte eines Karrikaturisten. Warum dies nicht getan werden darf, wird mit aus diesem Text nicht ersichtlich.

    Antwort
    • 22. Mai 2017 um 17:35
      Permalink

      Es geht doch nicht um die Auseinandersetzung mit Religionen, es geht um Auffassungen und Anschauungen von Menschen, die respektiert werden müssen. Es ist unerträglich in unserer Gesellschaft, dass der eine z.B. „Heute – Studio“ über Menschen mit einer solchermaßen Respektlosigkeit spricht, dass man dabei die gute Erziehung vergessen kann. Wie sollen KInder Respekt lernen, wenn sogar öffentlich rechtliche Medien Darstellungen und Ausagen verwenden, die Menschenverletzend und gar volksverhetzend sind. Armes Deutschland.
      Andererseits werden Leute beschimpft und abgestraft, die nur mit der Politik in unserem Land nicht einverstanden sind. Wir haben hier nach deren Aussage so viele Nazis, dass man sich eigentlich nur schämen müsste.

      Antwort

Kommentar verfassen