Die ökonomischen Folgen von Terroranschlägen

Ob Brüssel, Paris oder 9/11: Neben dem unfassbaren menschlichen Leid führen Terroranschläge auch zu erheblichen Kosten. Warum schnelles und energisches Handeln im Angesicht des Terrors das Gebot der Stunde ist. 

Die Bilder der Anschläge von Brüssel und Paris lassen sich nur schwer vergessen. Doch so zynisch es klingen mag, die kurzfristigen Schäden der Anschläge halten sich in Grenzen, wie der Rückblick auf die Zeit seit den Anschlägen auch bestätigt. Die vermuteten Versicherungskosten waren gering, die Finanzmärkte zeigten sich unbeeindruckt und nach und nach kehrte Alltag ein.

Schwerer hatte es die Vereinigten Staaten von Amerika am 11. September 2001 getroffen. Allein die Versicherungskosten übertrafen damals die aller vorhergehenden Naturkatastrophen. Die darauf folgenden Schwierigkeiten der Rückversicherer, das Risiko von Terroranschlägen zu bewerten und zu bepreisen, führten zu einem deutlichen Absinken der Risikoabsicherung. Der Markt für Katastrophen-Anleihen („Cat-Bonds“) konnte dies nicht ausgleichen, er gewann erst über die folgenden Jahre an Bedeutung. Staaten sprangen ein und übernahmen die Haftung für Rückversicherungsrisiken, in den Vereinigten Staaten beispielsweise mit dem „Terrorism Risk Insurance Act“ (TRIA) aus dem Jahre 2002, um den Rückgang der Risikoabsicherung aufzuhalten. Die Börsen mussten damals aufgrund der akuten Terrorgefahr sowie der so noch nie dagewesenen Unsicherheit für einige Tage geschlossen werden, nur um dann mit großen Verlusten wieder zu eröffnen. Doch all die finanziellen Auswirkungen waren eher kurzfristiger Natur; Politik und Notenbank reagierten rasch, um die Schäden zu minimieren. Terrorismus erhöht die Transaktionskosten, sei es wegen verschärfter Kontrollen im Transportbereich, Restriktionen im Finanzbereich oder erhöhter Versicherungskosten. Langfristig wurde daher in erster Linie der grenzübergreifende Handel getroffen.

So könnte es auch in der Europäischen Union kommen, wenn die ersten Reaktionen des französischen Präsidenten nach den Anschlägen zum Maßstab werden. Präsident Hollande beschloss die Einführung von Grenzkontrollen (in seiner ersten Rede war sogar von Grenzschließungen die Rede). Anschläge wie die in Paris und Brüssel, die auch weiterhin nicht ausgeschlossen werden können, würden dann dem durch die Flüchtlingskrise bereits stark angeschlagenen Schengen-System den Todesstoß versetzen. Anders als bei den Anschlägen vom 11. September 2001, die eine vereinte Nation angriffen, traf der Terror von Paris und Brüssel eine zutiefst gespaltene Europäische Union, der der Brexit noch bevorstand, der seinerseits die Lage bei einem neuerlichen Anschlag verschärfen würde.

Vor diesem Hintergrund konnte es auch nicht überraschen, dass die Brexit-Befürworter zum ersten Mal in Umfragen nach den Anschlägen die Mehrheit stellten, während sich die Dänen bereits mit einem „Nein“ gegen die weitere Vertiefung der Europäischen Union, auch und gerade im Bereich der inneren Sicherheit, gestellt haben. Auch anderswo nahm und nimmt die gesellschaftliche Spaltung zu. In Frankreich kommt mit dem Front National (FN) Protektionismus zunehmend en vogue, in den Vereinigten Staaten forderte der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Trump, als direkte Folge der Terroranschläge von Paris einen Einreisestopp für Muslime, was er im Zusammenhang mit dem Anschlag von Orlando am 12. Juni 2016 noch einmal bekräftigte. Das US-Repräsentantenhaus hat derweil eine Visumspflicht für alle Reisende, die in den letzten 5 Jahren Länder wie Syrien oder den Iran aufgesucht haben, beschlossen. Die weltweite Globalisierung, von der nicht zuletzt die ärmeren Länder profitiert haben, wird damit zunehmend zurückgedreht.

Der Austritt weiterer Länder neben Großbritannien aus der Europäischen Union, insbesondere der Nettogeberländer (bei denen die Gefahr eines Austritts derzeit besonders groß ist), könnte schnell einen Dominoeffekt auslösen. Schließlich müssten dann die übrigen Nettogeberländer deutlich mehr in den EU Haushalt einzahlen, was die Europäische Union weiter an Popularität einbüßen lassen würde. Das Zusammenschmelzen der EU hätte den Verlust des gemeinsamen Binnenmarktes und der gemeinsamen Freihandelsabkommen zur Folge. Wie wichtig diese sind, zeigt das Beispiel Mexiko: Aufgrund seiner zahlreichen Freihandelsabkommen mit anderen Staaten, unter anderem mit der Europäischen Union, geben Automobilbauer regelmäßig mexikanischen Orten anstatt Orten im Süden der Vereinigten Staaten den Vorzug. Denn ein nicht vorhandenes Freihandelsabkommen verteuert den Verkauf eines Automobils um teils einige tausend Euro, die geringeren Lohnkosten in Mexiko sind demgegenüber nebensächlich. Gerade Deutschland als eine der weltweit führenden Exportnationen wäre daher besonders betroffen.

Die USA reagierten nach dem 11. September mit dem „War on Terror“. Terroranschläge verlangen nach einem Gegenschlag, doch nach dem Afghanistan- und Irak-Krieg mit sehr mäßigem Resultat ist das Interesse an einer Intervention mit Bodentruppen in Syrien sehr überschaubar. Diese zwei Kriege, von denen der Afghanistan-Krieg eine direkte Replik auf die Terroranschläge vom 11. September und der Irak-Krieg eine indirekte darstellt, waren mit weitem Abstand die höchsten Kosten des Terrorismus. Die hohen Investitionen im Bereich Sicherheit führten ferner zu einem Verdrängungseffekt von der zivilen Wirtschaft hin zur militärischen. Doch so teuer ein „Krieg gegen den Terror“ auch sein mag, er ist wichtig für den Zusammenhalt von Gesellschaften.

Denn auch wenn in Paris den Terroristen, denen man den Sieg nicht überlassen möchte, immer wieder entgegen gehalten wird, dass man „même pas peur“ (nicht einmal Angst) hätte, so ist die Furcht der Bevölkerung doch sehr real. Ein französischer Artikel mit dem Titel „La femme voilée du métro“ der linken Zeitung „Libération“, in dem der Autor in einer fiktiven Geschichte seine Angst vor einer verschleierten Frau in einer Metro bekundet, hat heftige Reaktionen in Frankreich ausgelöst und zeigt die Verunsicherung in der Gesellschaft. Schwer zu messen sind die Kosten, die durch das gesunkene Konsumentenvertrauen entstehen. Unsicherheit führt zu einem Rückgang des Konsums und somit der Produktion; beispielsweise werden gemäß dem „Lipstick Effect“ exquisite Luxusgüter wie teurer Schmuck durch billigere Luxusgüter wie hochwertige Lippenstifte substituiert.

Ein schnelles und energisches Handeln von Politikern ist essentiell, um den Verbrauchern Zuversicht und Optimismus zurückzugeben. Auch rein symbolische Maßnahmen, wie die Entsendung des französischen Flugzeugträgers Charles de Gaulle in Richtung Syrien, sind daher sinnvoll. Gerade in Frankreich war und ist die Wiedergewinnung des Konsumenten- und Wählervertrauens besonders wichtig, um der schon seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation zu entkommen. Sollte dies nicht gelingen, so werden sich die Wähler weiter von der politischen Mitte entfernen, wie die Regionalwahlen gezeigt haben. Den Austritt Großbritanniens könnte die Europäische Union vielleicht überleben, doch wenn auch noch das Gründungsmitglied Frankreich austreten würde, wäre die Europäische Union dem Ende geweiht, mit zweifellos erheblichen ökonomischen Folgen. Der Terrorismus hätte gewonnen.

Beitragsbild: Von Yann Caradec, lizensiert unter CC BY-SA 2.0.

Über den Author

Andreas Markert Studiert Volkswirtschaftslehre (B.Sc.) mit ordnungspolitischem Schwerpunkt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Kommentar verfassen