Geplante Obsoleszenz: Hilfe für die Wirtschaft, die unseren Planeten zerstört

Das geplante Aus-der-Mode-kommen oder auch vorschnelle Veralten von Produkten ist „in“. Viele Unternehmen erhöhen ihre Gewinnspannen, indem sie Kunden dazu bringen, ihre Produkte nach kurzer Zeit durch neue zu ersetzen. Doch was betriebswirtschaftlich rational erscheint, ist gesamtgesellschaftlich fatal. Konsumenten und politisch Verantwortliche sollten endlich ihre Augen öffnen und diesem Irrsinn entschieden entgegentreten.

Die Idee der geplanten Obsoleszenz ist es, die Lebensdauer eines Produkts absichtlich zu verkürzen. Schon John Maynard Keynes hat vorgeschlagen, Wirtschaftskrisen im Extremfall durch kurzzeitig genutzte Produkte anzukurbeln. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass Sollbruchstellen eingebaut werden oder die Produkte mit Zählern versehen werden, die nach einer bestimmten Anzahl von Nutzungen den Niedergang des Geräts einläuten. Häufig beobachtete Beispiele hierfür sind qualitativ minderwertige und schnell verschleißende Einzelteile wie Kunststoffzahnrädchen in diversen Haushaltsgeräten oder Drucker, die nach eine bestimmten Anzahl an gedruckten Blättern eine Fehlermeldung anzeigen.

Geplante Obsoleszenz findet jedoch auch statt, wenn das jeweilige Produkt im Grunde noch intakt ist und der Kunde durch indirekte Beeinflussung seitens der Unternehmen dazu gebracht wird, sich früher als eigentlich nötig ein neues Produkt anzuschaffen. Dies kann einerseits durch entsprechend aggressives Marketing geschehen, welches dem Kunden vermittelt, das Produkt sei nicht mehr auf dem neuesten Stand oder schlichtweg nicht mehr modern. Andererseits können die Unternehmen der Entscheidung zum vorschnellen Neukauf nachhelfen, indem sie bestimmte Ersatzteile oder Services aus dem Sortiment nehmen oder verteuert anbieten. Beispiele hierfür finden sich massenhaft im Bereich der Elektrogeräte, wo es allzu häufig vorkommt, dass die Reparatur teurer als eine Neuanschaffung ist oder es die entsprechenden Ersatzteile gar nicht mehr zu kaufen gibt. Doch nicht nur hier findet geplante Obsoleszenz statt. Ein weniger augenscheinlicher Fall sind beispielsweise Seifenspender, die unnötig viel Seife geben, wodurch der Verbrauch und Verschleiß beschleunigt wird.

Verbraucher haben oft nicht die Möglichkeit, zwischen qualitativ hochwertiger Ware und schnell alternder Ware zu unterscheiden. Die Qualitätsverschlechterung geschieht allmählich und bleibt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Kunden. Gerade wenn eine gewisse Markentreue der Kunden besteht, braucht sich das Unternehmen kaum vor deren Abwanderung zu fürchten. Um auf dem Markt mithalten zu können, ist es für das einzelne Unternehmen derzeit nicht nur zweckmäßig, sondern die dominante Strategie, Produkte mit künstlich verkürzter Lebensdauer anzubieten.

Warum ist dies so? Spieltheoretisch betrachtet treffen die Unternehmen in dem vorliegenden sogenannten Gefangenendilemma eine Entscheidung, die einzelwirtschaftlich von Vorteil ist, für die Allgemeinheit jedoch von Nachteil. Das einzelne Unternehmen hat bei der Herstellung der Produkte die Wahl zwischen ‚langer Lebensdauer‘ und ‚künstlich verkürzter Lebensdauer‘. Für die Allgemeinheit, aber vermutlich auch für die beteiligten Unternehmen selbst, wäre es offensichtlich sinnvoll, wenn sich diese für langlebige Qualitätsprodukte entscheiden. Da das einzelne Unternehmen jedoch nicht weiß, wie sich seine Konkurrenten verhalten werden, wird es sich für die sicherere und gewinnträchtigere Variante der verkürzten Lebensdauer entscheiden. Wählt das einzelne Unternehmen nämlich nicht die Strategie der künstlich verkürzten Lebensdauer, so wird es einen Nachteil daraus haben. Dies liegt daran, dass die Konsumenten die verringerte Lebensdauer aufgrund asymmetrischer Information, kaum sichtbarer Lebensdauerreduktion und gleichartigem Verhalten aller Unternehmen der entsprechenden Branche gar nicht wahrnehmen werden. Zugleich können jedoch die mogelnden Konkurrenten ihre Herstellungskosten durch die Herstellung geringwertiger Qualität verringern, die Produkte geringfügig günstiger anbieten und ihre Gewinne durch erhöhte Verkaufszahlen steigern. Das ehrliche Unternehmen hätte dann einen Wettbewerbsnachteil.

Die Überlegungen zeigen darüber hinaus sehr deutlich, dass die wirklichen Nachteile von den Verbrauchern erfahren werden. Der offensichtlichste Nachteil ist die verkürzte Nutzbarkeit der Produkte verbunden mit negativen Umweltfolgen. Ein weiterer Nachteil ist der auf lange Sicht gesehene sinkende Lebensstandard. Dadurch, dass viel Geld in das eine Produkt und die diversen Ersatzanschaffungen gesteckt werden muss, bleibt weniger Geld für anderes übrig. Das führt folglich dazu, dass wir uns alle weniger leisten können.

Insgesamt findet eine ebenso erschreckende wie unnötige Übernutzung endlicher Ressourcen statt. Auf unserem Planeten gibt es nur begrenzte Rohstoffe mit welchen entsprechend rücksichtsvoll umgegangen werden muss, weshalb auch die Lebenszeit von Produkten möglichst lang ausfallen sollte. Natürlich ließe sich argumentieren, dass die Produkte recycelt werden könnten, was in der Praxis jedoch nach wie vor nur völlig ungenügend geschieht. Obendrein kommt es durch den unnötigen Überschuss an veralteter oder defekter Ware häufig zu illegalen Exporten, da die sachmäßige Entsorgung in Europa mit hohen Kosten verbunden ist. Die Umsetzung der EU-Richtlinien über Elektro- und Elektronik-Altgeräte läuft schleppend und die Anreize sind groß, die Ware nach dem Motto ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘ in Entwicklungsländer zu verschiffen. Die Konsequenzen für Mensch und Umwelt sind verheerend.

Würden sich die Unternehmen nun für die Strategie der ‚langen Lebensdauer‘ entscheiden, hätte dies zur Folge, dass die Haushalte weniger Geld für die Neuanschaffung der jeweils künstlich veralteten Produkte ausgeben müssten. Es würde also mehr Geld für andere Dinge zur Verfügung stehen, sogenanntes konsumtives Kapital. Dieses könnte in verschiedenste andere Konsumgüter gesteckt werden und somit das Entstehen neuer wachstumsstarker Märkte ermöglichen. Die Kreativität und Arbeitsenergie, welche in die Entwicklung und Produktion von schnell alternden Produkte gesteckt wird, könnte dafür verwendet werden, sinnvolleren Tätigkeiten in Forschung und Entwicklung neuer Qualitätsprodukte nachzugehen.

So scheint es, als müsste der Gesetzgeber den Unternehmen Schranken setzen. Im vergangenen Monat wurde in Frankreich im Rahmen der Energiewende ein Gesetz erlassen, in dem die ‚Gesamtheit von Techniken, durch die derjenige, der das Produkt auf den Markt bringt, bezweckt, namentlich durch die Konzeptionierung des Produkts, die Lebensdauer oder den möglichen Gebrauchswert des Produkts absichtlich zu verkürzen, um den Verkauf von neuen Produkten zu erhöhen‘ unter Strafe gestellt werden. Nachgewiesene Fälle sollen künftig als Betrug mit bis zu zwei Jahren Haft und 300.000 Euro Geldstrafe bestraft werden können.

Auch in Deutschland tut sich etwas. Die Grünen und die Linke haben bereits im Jahr 2013 die Initiative in Form von Gesetzesentwürfen und Gutachten ergriffen. Als Konsequenz aus dem Antrag der Grünen mit dem Titel „Geplanten Verschleiß stoppen und die Langlebigkeit von Produkten sichern“ wurde vom Umweltbundesamt eine Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse inklusive Handlungsempfehlungen im Februar 2016 vorliegen sollen. Ein Zwischenbericht der Studie wurde bereits im März dieses Jahres veröffentlicht. Die Grünen fordern langlebigere Produkte herzustellen, bessere Voraussetzungen für Reparaturen und Wiederverwertbarkeit zu schaffen sowie qualitativ hochwertiges Recycling sicherzustellen.

Eine sehr sinnvolle Maßnahme wäre es in diesem Zusammenhang auch, den Regelrahmen für die Unternehmen so zu gestalten, dass sich in diesem ein ordentlicher und fairer Wettbewerb in Richtung hoher Qualität entwickeln kann. Dies könnte erreicht werden, indem man die Unternehmen dazu verpflichtet, ihre verkauften Produkte und vor allem die Elektrogeräte komplett selbstständig und umweltgerecht zu recyceln. Die negativen externen Kosten würden also internalisiert werden. Das bedeutet, dass nicht mehr die Konsumenten und die Länder, in die der Müll verschickt wird, die sozialen und ökologischen Kosten tragen müssen, sondern die Unternehmen dafür verantwortlich gemacht werden und die Kosten auf diese zurückfallen. Das würde kurzlebige Produkte derart verteuern, dass eine geplante Obsoleszenz kaum noch lohnenswert wäre.

Ohne ein entsprechendes Eingreifen des Staates wird es für die einzelnen Unternehmen rational bleiben, die Lebensdauer ihrer Produkte künstlich zu verkürzen. Es liegt ein klassischer Fall von Marktversagen vor, das heißt der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage führt nicht zum gesamtwirtschaftlich wünschenswerten Ergebnis. Konsumenten alleine haben nur sehr begrenzt Möglichkeiten, sich vor geplanter Obsoleszenz zu schützen. Ein Umdenken der Verbraucher würde sicherlich einiges bewirken, jedoch nicht ausreichen. Nur durch entsprechende Gesetze kann die zerstörerische Verschwendung von Arbeitskraft und Ressourcen gestoppt werden.

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Das Beitragsfoto stammt von Ihaha. Die Weiterverwendung unterliegt den Richtlinien der CC-Lizenz.

Über den Author

Johanna Wietschel Studiert im B.Sc. Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg und arbeitet als Tutorin für das Fach Wirtschaftspolitik bei Prof. Dr. Neumärker am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie. Ihre Interessengebiete umfassen verschiedene Bereiche der Volkswirtschaftspolitik, der Makroökonomie sowie der Entwicklungs-und Umweltökonomik.

2 thoughts on “Geplante Obsoleszenz: Hilfe für die Wirtschaft, die unseren Planeten zerstört

  • 27. Dezember 2015 um 22:13
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    Sehr guter Artikel. Was ich jedoch nicht ganz verstehe, oder welchem Ansatz ich leider skeptisch gegenüber stehe: „indem man die Unternehmen dazu verpflichtet, ihre verkauften Produkte und vor allem die Elektrogeräte komplett selbstständig und umweltgerecht zu recyceln“. Wie würde das aussehen, wie kämen die Produkte zu dem Hersteller zurück (in einem Land, wo Pfandflaschen regelmäßig im Müll verschwinden)? Außerdem, müsste man das nicht auf einer internationalen Ebene einheitlich regulieren, da gerade Elektrogeräte selten mehr national produziert und verkauft werden?

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  • 31. Dezember 2015 um 15:04
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    Vielen Dank für den Kommentar. Konkret könnte die Umsetzung des Vorschlags, Unternehmen zum Recycling zu verpflichten, zum Beispiel so aussehen, dass der Verkäufer seine Produkte ‚vermietet‘. So könnte ein Waschmaschinenhersteller dem Kunden alle fünf Jahre eine neue Waschmaschine zur Verfügung stellen und die Alte recyceln. Da das Unternehmen somit die Recyclingkosten trägt, hat es ein großes Interesse daran, die Produkte langlebig und recyclingfähig herzustellen. Da gerade große Elektrogeräte wie Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernseher aufgrund ihrer Unhandlichkeit vom Verbraucher doch meist im Land bei einem Händler gekauft werden, welcher die ‚Vermietung‘ übernehmen könnte, würde eine nationale Regelungen schon einmal weiterhelfen.

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