Die MS Deutschland: Ein Albtraumschiff für Anleger

Der Markt für Mittelstandsanleihen verzeichnet mit der Insolvenz des „Traumschiffs“ MS Deutschland die nächste dubiose Pleite nach dem Fall Prokon, bei der sich zeigt, wie schlecht die Position von Privatanlegern gegenüber den Firmen, Ratingagenturen, Emissionsberatern und Banken ist. Eine Stärkung der Rechte der Finanzdienstleistungsaufsicht ist nötig, um dies in Zukunft zu ändern.

Im Jahr 2012 wurde eine Anleihe des aus dem ZDF-Fernsehen bekannten Kreuzfahrtschiffs MS Deutschland in Höhe von 60 Millionen Euro hauptsächlich an Privatanleger verkauft. Mit einem Zinssatz von 6,75 Prozent war sie seinerzeit sehr attraktiv. Als Sicherheit wurde von den Anbietern der Anleihe eine Schiffshypothek beantragt, wobei der Schiffswert in einem Gutachten auf knapp 70 Millionen Euro geschätzt wurde. Dieses günstige Verhältnis von hohem Wert und überschaubarem Emissionsvolumen führte auch zu einer sehr guten Bewertung der Anleihe mit „A“ durch die Ratingagentur Scope.

Drei Jahre später droht die endgültige Insolvenz und einige Privatanleger, die sich nach der Finanzkrise noch zur Kundenberatung in ihre Bank getraut haben, dürfen sich darauf einstellen, ein Großteil ihres Kapitals nicht mehr wieder zu sehen.  Das Gutachten über den Schiffswert hat sich als realitätsfernes und mit 450 Euro erstaunlich preiswertes Stück Papier herausgestellt. Die Insolvenz der MS Deutschland ist im sogenannten Mittelstandsanleihenmarkt aber nicht der erste Fall. Die Ausfallraten belaufen sich in diesem Segment auf 20 Prozent. Zum Vergleich: die Ratingagentur Moody’s sieht die durchschnittliche Ausfallrate für festverzinsliche europäische Wertpapiere schlechterer Kreditqualität, so genannte „High-Yield“-Unternehmensanleihen derzeit bei gerade einmal 4,1 Prozent.

Aus ökonomischer Sicht gibt es eine Reihe von Gründen für dieses Fiasko. Zum einen besteht das Problem einer asymmetrischen Informationsverteilung, wenn Banken und Fonds auf der einen Seite und schlecht informierte Privatanleger auf der anderen Seite aufeinandertreffen. Die Geschäftszahlen eines Unternehmens und die Plausibilität eines Gutachtens korrekt einzuschätzen, verlangt einen guten Informationszugang und Erfahrung in Finanzdingen. Aus der Tatsache, dass der notwendige Kredit für die MS Deutschland nicht einfach und vor allem billiger von einer Bank finanziert wurde, hätte ein Finanzprofi sicherlich seine Schlussfolgerungen gezogen. Eine Bank hätte die Geschäftsrisiken und insbesondere die Werthaltigkeit des Schiffsgutachtens wohl anders eingeschätzt, doch dies war von den Schiffseignern offenbar nicht gewollt. So gab es keinen fairen, d.h. am Risiko orientierten, Preis am Markt und die Vorteile des Beteiligungsmodells lagen einseitig auf der Marktseite der Anbieter.

Zum anderen bestand eine ebenfalls problematische Asymmetrie auch im Nachklang der Insolvenz, weil die ultimative Haftungsfrage zuungunsten der Anleihekäufer gestaltet wurde. Schließlich stellte auch die Emission der Anleihe durch die Quirin Bank, bei gleichzeitiger Kaufempfehlung an die eigenen Kunden einen klaren Interessenkonflikt dar. Weitere Kontrollinstanzen  wie die Emissionsberater und Ratingagenturen haben die Risiken ebenfalls – absichtlich oder nicht – unterschätzt. Auch die Ratingagentur Scope verdient ihr Geld mithilfe eines Geschäftsmodells, das bereits in der Finanzkrise zu negativen Ergebnissen geführt hat. Die Auftraggeber von Ratingagenturen zahlen für die kritische Einschätzung ihrer finanziellen Lage. Im Falle der MS Deutschland wurde das unzureichende und zu optimistische Schiffswertgutachten von Scope offenbar nur flüchtig zur Kenntnis genommen und die Anleihe als übermäßig sicher bewertet – eine massive Fehleinschätzung aufgrund offenbar nicht vorhandener oder mangelhafter Prüfung.

Die Lehre aus den Geschehnissen um die MS Deutschland ist daher klar: Wenn Privatpersonen weiterhin die Möglichkeit haben sollen, in den Mittelstand zu investieren, muss die Politik verlässlichere Rahmenbedingungen schaffen. Besonders wichtig wäre es hierbei, dass die Finanzmarktaufsichtsbehörde BaFin mit mehr Rechten und Mitteln ausgestattet wird, um die Verkaufsprospekte für Mittelstandsanleihen besser prüfen zu können. Ansonsten bleiben im Mittelstandsmarkt die zu erwartenden Renditen für Privatpersonen unter aktuellem Sparbuchniveau – nämlich negativ.

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Jonathan Schoeck

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