Die Plutonomie: Der Totengräber der demokratischen Gesellschaft

Im Jahr 1994 war die Welt noch in Ordnung: Forrest Gump lief über die Kinoleinwände und ließ die Kinozuschauer ungebrochen optimistisch in die Zukunft blicken. Der gleichnamige Film stand als eine Art Abbild des American Way of Life in der damaligen Kinolandschaft und verbreitete seine These, dass die demokratische pluralistische Gesellschaft Chancengleichheit in Bezug auf Bildung, sozialen und materiellen Aufstieg biete und dass auf freien Märkten die Selbstverwirklichung und das Streben nach Glück eines jeden Individuums verwirklicht werden könne. Dass dieses Bild eher als utopisch denn realistisch beschrieben werden muss, ist im Prinzip seit Karl Marx bekannt, erlebt jedoch zur Zeit durch das Buch „Das Kapital des 21. Jahrhunderts“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty eine mediale Renaissance. Verstärkt rückt hierdurch der öffentliche Fokus auf die Pro­blematiken von Geld und Macht mit den daraus resultierenden Ungleichheiten und Gefahren für die gesamte Ge­sellschaft. Der Hype um Pikettys Buch verwundert dahingehend, dass bereits zehn Jahre nach Forrest Gump und zehn Jahre vor dem „Kapital des 21. Jahrhunderts“ in den USA eine Tendenz zu einer neuen und unheimlichen Abart des Kapitalismus aufgedeckt wurde, die Piketty allenfalls andeutet, der Plutonomie.

Die Plutonomie: Der Citibank-Report

Am 16. Oktober 2005 erschien ein von der Investment-Abteilung der Citibank herausgegebener interner Report, in dem das Konzept der Plutonomie entwickelt wird. Der Kern des Arguments besteht darin, dass das Wohl einer Volkswirtschaft in der Hand der Reichen und “Superreichen“ läge, da dieser Teil der amerikanischen Gesellschaft aufgrund seiner materi­ellen Situierung durch sein ökonomisches Handeln das Bruttoinlandsprodukt und dessen Wachstum in besonders starker Weise beeinflussen könne. Genauer: Die Reichen und „Superreichen“ müssten als die wahren Treiber der Wirt­schaft in den USA angesehen werden.

Die reichsten 20 Prozent Amerikaner besitzen knapp 85 Prozent des gesamten US-Reinvermögens. Sie vereinen zudem satte 91 Prozent des Finanzvermögens auf sich und erzielen rund 59 Prozent der Einkünfte im Land von Stars and Stripes. Die Dramatik – oder auch der Wahnwitz – dieses Befunds nimmt weiter zu, wenn man sich vergegenwärtig, dass die ärmsten 40 Prozent der Amerikaner gerade einmal 0,3 Prozent des Reinvermögens besitzen, mit –0,7 Prozent des Finanzvermögens in der Summe sogar verschuldet sind und nur knapp über 10 Prozent der Einnahmen erzielen. Voilà! Eine linksschiefe Einkommensverteilung in Reinform und die Gewissheit, dass der gute, alte Forrest Gump wohl doch eher ein Produkt der Traumfabrik als ein Abbild der Realität ist. Mit anderen Worten: Der Aufstieg Forrest Gumps vom Dorfidioten zum Milliardär gehört in den USA zu den großen gesellschaftlichen Mythen. Der Traum vom American Way of Life ist tot!

Dass eine massive Ungleichheit in der Vermögens- und Einkommensverteilung große Aus­wirkungen auf die soziale Struktur einer Gesellschaft haben kann und nicht nur dazu dient, Filmthesen zu widerlegen, ist augenscheinlich. Jedoch stellt sich die Frage nach den Gründen und Wirkungszusammenhängen, die eine Plutonomie ausmachen, und den sich daraus erge­benden Auswirkungen. Diese sollen im Folgenden Schritt für Schritt analysiert werden, um die verschiedenen Wirkungskanäle der Plutonomie freizulegen. Denn: Es geht um mehr als nur Geld!

1. Die monetäre Komponente der Plutonomie

Stellt man sich die 59 Prozent der gesamten Einkünfte bildlich vor, dann sieht man nicht nur einen hübschen Kontoauszug, sondern auch viele wunderbare Gelegenheiten, das Geld zu investieren und auszugeben. Steigen die individuellen Einkommen, dann steigen auch die absoluten Konsumausgaben, wobei diese – im Falle der Reichen und Superreichen – zum Großteil auf hochwertige und Luxuswaren und -dienstleistungen entfallen. Führt man diese Überlegung damit zusammen, dass die unteren Einkommensschichten trotz knapper Kassen natürlich nicht auf Konsum verzichten, diesen aber zugleich auch nicht beliebig ausweiten können, dann folgt daraus, dass vor allem Einkommenszuwächse bei den oberen Einkommensschichten positiv auf den absoluten Konsum und das BIP durchschlagen. Hier liegt das erste Hauptcharakteristikum der Plutonomie: Die wichtigsten Treiber einer Wirtschaft sind die oberen und obersten Einkommens- und Vermögensschichten.

Da für Luxusgüter ein überdurchschnittlich hoher Preis zu entrichten ist, führt deren Mehrkonsum, gekoppelt mit einer prozentualen Verbrauchsteuer, ebenfalls zu einem höheren Steueraufkommen. Daneben korreliert die erzielbare Einkommensteuer besonders stark mit dem Anstieg der Einkommen der Reichen, während gleichzeitig ein großer Teil der ärmsten 40 Prozent der Konsumenten gar keine Einkommensteuer zahlt. Dies bedeutet, dass die staatlichen Finanzen stark von der Konsum- und Investitionsfreude sowie von der Steuerehrlichkeit (sic!) der oberen Einkommens- und Vermögensschichten abhängen. Durch diese Gemengelage geraten die staatlichen Finanzen in eine Abhängigkeit vom Wohlwollen der Reichen und Superreichen. Der Staat wird erpressbar.

Hier werden die ersten Risse der Vorstellung einer sozialen und solidarischen Gesellschaft – der Forrest Gump-Welt – sichtbar, da es durch die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen zu einer problematischen Machtverschiebung kommt. Der amerikanische Präsidentschaftskandidat der Republikaner und seines Zeichens Multimillionär Mitt Romney brachte diese auf einer internen Fundraising-Veranstaltung im Jahr 2012 auf den Punkt und ließ gleichzeitig erahnen, wie die Interessen der verschiedenen Schichten verteilt sind: There are 47 percent who are with him [Obama; Anm. d. Verfassers], who are dependent upon government, who believe that they are victims, who believe the government has a responsibility to care for them, who believe that they are entitled to health care, to food, to housing, to you-name-it. That that’s an entitlement. And the government should give it to them. […]And they will vote for this president no matter what. These are people who pay no income tax.”

2. Die institutionelle Komponente der Plutonomie

Die diagnostizierten Ungleichheiten reichen aber noch weiter und verändern auch die institutionellen Rahmenbedingungen einer ganzen Gesellschaft. Der amerikanische Institutionenökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Douglas North beispielsweise stellt sich das Zusammenspiel von Staat und Eliten in etwa wie folgt vor: Treffen die Repräsentanten des Staates und die wohlhabenden Eliten aufeinander, dann stärkt der ökonomische Vorteil ganz automatisch die Verhandlungsposition der Elite beim Abschluss von Verträgen mit den Politikern. Die Pointe liegt hier in der Forschungsbasis versteckt. North diagnostizierte diese Selbstverstärkungsmechanismen für institutionell schwache Staaten der Dritten Welt und niemand käme wahrlich auf die Idee, die große Industrienation USA als solche zu bezeichnen. Und doch ist die Lage in den USA kaum anders als in eben diesen Entwicklungsländern!

Denn steigt der Wohlstand, verschiebt sich simultan die Verhandlungsmacht. Die stetig gestärkte Verhandlungsmacht wird dazu verwendet, den eigenen Wohlstand weiter zu maxi­mieren. Dieser Prozess kann zu „extraktiven Eliten“ führen, die sich der formellen und infor­mellen Institutionen ihres Heimatstaates und deren Selbstverstärkungsmechanismen bedienen, um ihre eigene Position weiter auszubauen. Konkret bedeutet dies, dass die Eliten versuchen, die Regeln des Staates und der Gesellschaft, etwa bei den Eigentumsrechten, immer weiter zu ihren Gunsten zu verändern und gleichzeitig Barrieren zu schaffen, die eine Beteiligung derjenigen verhindern, die nicht der Elite angehören. Immer weitere spezifische Investitionen in die Regelstruktur, die Adaption des Erlernten im Prozess der Regelentwicklung sowie die Bereitschaft, notfalls auch in Konflikte mit Nichtmitgliedern der eigenen Elite zu investieren, führen zu einer Zeitpfadabhängigkeit, die die Macht verstetigt und immer höhere Erträge extrahieren lässt. Dies macht das zweite Hauptcharakteristikum einer Plutonomie aus, denn ignorante (darunter auch liberale) oder korrumpierbare Regierungen und schwache Regelstrukturen unterstützen ein unbekümmertes Vorbeiwirtschaften an den gesamtgesell­schaftlichen Interessen zugunsten der extraktiven Eliten – und in deren eigene Taschen.

Hieraus folgt ein Dilemma: Die steigenden Erträge erhöhen die Einkommen der begünstigten Eliten, wodurch eine soziale und bildungsspezifische Selektion eintritt und somit deren Verhalten zur Normalität wird. Die eigentlich notwendige Orientierung an ethisch-moralischen Normen kann somit leichter umgangen werden, zumal die formelle Reglementierung in Verfassung und Gesetz zumeist nicht durchgesetzt werden kann, weil auch die Regierung freiwillig nichts unter­nehmen wird, was ihre eigene, durch das Wohlwollen der Eliten abgesicherte Position schwächt.

3. Piketty und die Plutonomie

Neben den vielen filmschaffenden Künstlern, die sich die Demontage des Forrest Gump-Mythos auf die Fahnen geschrieben haben, wird dieser Mythos auch immer stärker aus der Wissenschaft angegriffen oder zumindest in Frage gestellt. Der französische Ökonom Thomas Piketty argumentiert, dass man mit Arbeit nicht mehr reich werden könne und somit den sozialen Aufstieg verpasst, da die Kapitalertragsraten die Ertragsraten der Arbeit übersteigen und der größte Teil des Kapital ohnehin bei den reichsten 20 Prozent akkumuliert sei. Dadurch sei es unmöglich, privates Vermögen in großem Stile anzusparen. Somit konkurrierten Arbeiter mit den Renditen, Dividenden und Zinseszinsen der Wohl­habenden in einem schier aussichtslosen Verteilungskampf, der sich durch die institutionellen Rahmenbedingungen in den USA immer weiter zuspitzt. Der Gini-Koeffizient, das zentrale Maß für Einkommens- und Vermögensungleichheit, hat heutzutage bereits wieder das Niveau vor der Immobilien- und Finanzkrise erreicht, die das Land ab 2007 beschäftigte und – zumindest für viele ärmere Arbeitskräfte – immer noch nicht überwunden ist.

Des Weiteren zeichnet sich die Plutonomie, auch Pikettys Argumentation folgend, dadurch aus, dass die Entlohnung der Arbeit in keinem angemessenen Verhältnis zur wirklich verrichteten Arbeit, geschweige denn zur Kapitalrendite steht. Denn obwohl eine moderate Ungleichheit stets als überaus wichtig für Arbeitsanreize angesehen wurde, wird diese Ansicht in der Realität der Plutonomie pervertiert. Leistung lohnt sich nicht mehr, denn die beschreitbaren Wege sind bereits vorgegeben: Haben oder Nichthaben. Erben oder Nichterben.

4. Die Gefahren der Plutonomie

Die Gefahren sind vor allem den massiven, dynastischen Ungleichheiten und Machtpositionen geschuldet, weil der soziale Kitt, der eine Gesellschaft zusammen hält, angegriffen wird und im Begriff ist, langsam zu erodieren. Das Modell einer lebenswerten Gesellschaft für alle wankt gewaltig. Die individuelle Selbstbestimmung verschwimmt unter diesen Bedingungen mehr und mehr zu einem Mythos, schließ­lich determiniert die materielle Situierung den Lebensweg. Wie soll man sich in einem repres­siven System frei entfalten können, wenn man tagein, tagaus damit beschäftigt ist, Geld zu verdienen, damit man überhaupt leben kann, während andere im Überfluss leben und dies selbstbewusst zur Schau stellen?

Durch die expandierenden und sich verfestigenden Machtstrukturen werden Entscheidungen mit Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft von einer reichen Minderheit getroffen, was den demokratischen Grundsatz von Mehrheitsentscheidung durch mehrheitlichen Konsens ziem­lich alt aussehen lässt. War da nicht mal was mit Marx, kapitalistischer Bourgeoisie und unterdrückter Arbeiterklasse? Aber das klingt so alt und abgedroschen…

Ein weiteres Problem stellt schließlich die Reziprozität der Ungleichheit dar. Die, die viel besitzen, müs­sen sich vor denen schützen, die wenig bis nichts besitzen. So siechen auf der einen Seite die Ausgeschlossenen im Elend dahin, während auf der anderen Seite „goldene Käfige“ aufgestellt werden, in denen die Wohlhabenden aus Angst vor Kriminalität langsam, aber sicher paranoid werden. So kann das dem Menschen immanente Harmoniebe­dürfnis nicht mehr gelebt werden und die Grundstimmung der Angst senkt die gesamtgesell­schaftliche Lebensqualität, denn weder vor noch hinter Mauern lässt es sich unbekümmert le­ben. Man denke nur an das südafrikanische Apartheid-Regime! Hier lässt sich erahnen, was massive soziale Unruhen für das gesellschaftliche Zusammenleben bedeuten.

Fazit

Die USA stehen an einem Scheideweg. Sie müssen sich entschieden, welches Gesell­schaftsmodell sie für die Zukunft wählen wollen, damit aus einem Miteinander oder Nebeneinander kein Gegeneinander wird und am Ende nicht beide Seiten, die Armen wie die Reichen, unter massivem sozialen Druck in die Knie gehen werden. Nur eines ist sicher: Der Traum vom „American Way of Life“ und der in der Verfassung veran­kerte Grundsatz des „Streben[s] nach Glück“ für jedes Individuum sind gescheitert, da diese Träume in der derzeitigen amerikanischen Lebenswirklichkeit nicht verwirklicht werden können.

Zweifellos ist es richtig, dass ökonomische und fiskalische Instrumente zur Bekämpfung von monetären und damit einhergehenden sozialen Ungleichheiten nicht erst seit Piketty vorhan­den sind. Diese Instrumente oder Reformvorschläge, die diese Instrumente nutzen wollen, greifen jedoch zu kurz. Sie reihen sich in die utopischen Vor­stellungen ein, dass Reformen überhaupt möglich sind. In einer Plutonomie ist dies jedoch nicht der Fall – sie ist ein wirksamer Mechanismus, um tiefgreifende Reformen zu verhindern. Es müssen also wirklich radikale Veränderungen her, ohne aktionistisch und populistisch nach „Mar­xismus“ oder „Anarchismus“ zu rufen. Freilich, auch der Ruf nach freieren Märkten wirkt in dieser Diskussion deplaziert.

Zum einen müssen sich die Reichen endlich bewusst machen, dass auch sie von Umverteilung und ei­nem funktionierenden sozialen Sicherungssystem profitieren, um in Ruhe leben zu können. Und zum anderen sollten die Armen ihr politisches Potenzial wahrnehmen, damit gemeinsam eine lebens­wertere und freiere Zukunft geschaffen werden kann. Die Gestaltung der Zukunft liegt also in der Hand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft und somit entscheidet jeder Einzelne selbst darüber, ob Forrest Gump weiterhin nur als Mythos verbleibt oder nicht.

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Denny Witt

3 thoughts on “Die Plutonomie: Der Totengräber der demokratischen Gesellschaft

  • 8. Oktober 2014 um 15:52
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    Gut geschrieben.
    Interessantes Thema und informativ.
    Habs gern gelesen!

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  • 19. Oktober 2014 um 13:21
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    Lesenswerter und nachdenklich stimmender Beitrag!

    Interessante sozio-ökonomische Entwicklungen finden aktuell auch in der zunehmenden Demokratisierung des Geldwesens durch das Internet statt.

    Offene, auf Konsens basierte Buchhaltungsketten wie die Blockchain-Technologie bieten Aussicht auf größere finanzielle Autonomie gegenüber Staaten, Zentral- und Geschäftsbanken. Das verlinkte Video fasst das Potential der Blockchain-Technologie zusammen. https://www.youtube.com/watch?v=YIVAluSL9SU

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  • 19. Oktober 2014 um 16:30
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    Gute Beschreibung. Finde ich ganz toll. Allerdings war es in der Zeit der Monarchien „aus Gottes Gnaden“ so aenhlich oder noch schlimmer.

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