Zuwanderung – Eine Tür, die wir offen halten müssen!

„Sozialtourismus“, „Armutsmigration“ und „Masseneinwanderung“. Dies sind Wörter, die die Ängste vieler Menschen ausdrücken, wenn der Begriff „Zuwanderung“ fällt. In weiten Teilen Europas verschaffen sich populistische Stimmen Gehör, indem sie die Zuwanderung als Geißel Europas verdammen. Die Zustimmung zu einer Schweizer Initiative zur Verhinderung von Masseneinwanderung ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auch in Deutschland entflammt mehr und mehr eine hitzige Debatte über die derzeit hohen Zuwanderungszahlen. Erst vor kurzem ist Deutschland von der OECD als zweitbeliebtestes Einwanderungsland ausgerufen worden. Bereits 2010 hat Thilo Sarrazin mit seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ eine heftige Diskussion ausgelöst. Gegenwärtig ist es Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, der eine Armutsmigrationswelle in die deutschen Sozialsysteme prophezeit. Dass Zuwanderung für Deutschland auch positive Effekte haben kann, kommt dagegen in der öffentlichen Meinung kaum an. Doch Tatsache ist: Wirtschaft und Gesellschaft profitieren von der kulturellen Vielfalt der Zuwanderer.

Lasst die Kirche im Dorf!

Die starke Zuwanderung kommt vor allem durch zwei Effekte zustande: zum einen tragen die Personenfreizügigkeit und Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa einen erheblichen Teil zur Personenmobilität bei. Bereits heute stellt Zuwanderung ein bedeutendes Arbeitskräftepotenzial dar. Dies ist vor allem auf die Personenfreizügigkeit zurückzuführen. Diese besagt, dass EU-Bürgern und ihren Familienangehörigen u.a. das Recht auf freie Einreise und Aufenthalt sowie freie Arbeitsplatzwahl zustehen. Zum anderen hängt sie mit der momentan schwierigen wirtschaftlichen Situation in Südeuropa zusammen. Menschen, die aufgrund der dortigen hohen Arbeitslosigkeit keine Perspektiven für sich sehen, kommen nach Deutschland, um auf der europäischen Konjunkturlokomotive mitzufahren. Jeder dritte dauerhafte Zuwanderer in Deutschland kommt aus der Europäischen Union, vor allem aus den Beitrittsländern des Jahres 2004. Und diese sind hochqualifiziert und jung, weshalb durch sie substanzielle Wohlfahrtsgewinne für Deutschland entstehen! Experten sprechen hierbei von einem „Brain Gain“, also von einem Zugewinn an besonders begabten Talenten. Der Akademiker-Anteil unter den europäischen Zuwanderern liegt mit 34 Prozent höher als derjenige der inländischen Bevölkerung mit 25 Prozent. Auch die Erwerbstätigenquote liegt mit 69 Prozent im Jahr 2012 nur leicht unter derjenigen der deutschen Gesamtbevölkerung (74 Prozent).

Populisten säen gerne die Saat der Angst vor Massenzuwanderung und verweisen auf die hohe Zahl der Zuwanderer. Von 1,2 Millionen Zuwanderern sprechen die Medien. Doch diese Zahl alleine ist nicht aussagekräftig, sondern muss in Relation zur Abwanderung gesehen werden. Das Resultat: die Nettoeinwanderung nach Deutschland ist geringer als von Seiten der Angstmacher als Schreckensszenario an die Wand gemalt wird – nämlich 400.000 dauerhafte Zuwanderer im Jahr 2012.

Deutschlands neues Fachkräftepotenzial

Das Wachstum einer Volkswirtschaft hängt entscheidend von der Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte ab. Unbestritten ist jedoch die Tatsache, dass die deutsche Bevölkerung in den kommenden Jahren schrumpfen und altern wird. Der demografische Wandel zeigt allmählich Wirkung. Der Fachkräftemangel wird unter anderem die Gesundheitsberufe und Berufe mit technischem Hintergrund auf breiter Front treffen. Vor allem die Zahl der Fachkräfte im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) stagniert. Experten haben errechnet, dass bis zum Jahr 2020 mit einer Lücke von 1,4 Millionen qualifizierten MINT-Fachkräften zu rechnen ist. Eine Schreckensvision für den Wirtschaftsstandort Deutschland!

Doch wie könnte man diese Lücke schließen, wenn wir Deutschen selbst aufgrund des demografischen Wandels und der großen Zahl der geisteswissenschaftlichen Absolventen nicht in der Lage dazu sind? Die Antwort: durch Zuwanderung! „Viele Zuwanderer sind hoch qualifiziert und tragen damit dazu bei, den Fachkräftemangel einzudämmen“, teilt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln in einer aktuellen Studie mit.

Immer wieder ist eine Zuwanderungskatastrophe angekündigt worden, nie ist sie eingetreten, warum sollte sie jetzt eintreten? Im Gegenteil: aus der befürchteten „Armutsmigration“ vergangener Tage ist eine „Arbeitsmigration“ geworden. Die hohe Zuwanderung ist größtenteils auf die Nachfrage deutscher Unternehmen nach Arbeitskräften zurückzuführen und nicht nur auf das Arbeitsangebot seitens der arbeitsplatzsuchenden Zuwanderer.

Die deutsche Wirtschaft sagt „Danke“

Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten ist eine wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg deutscher Unternehmen. Die Wettbewerbsfähigkeit wiederum hängt von Produkt- und Prozessinnovationen ab. Innovationen treiben den technischen Fortschritt voran und tragen dadurch zum Wirtschaftswachstum bei. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass die Innovationskraft in Regionen mit einer hohen kulturellen Vielfalt stärker ist als in Regionen mit einer homogenen Struktur. Ausländische Mitarbeiter können erheblich dazu beitragen, neue Märkte zu erschließen und Geschäftsbeziehungen zu knüpfen oder zu vertiefen. Die Zuwanderer kennen die jeweiligen Auslandsmärkte und können mit relevanten marktspezifischen Informationen dienen.

Aus ökonomischer Sicht ist es sinnvoll, die Tür der Zuwanderung ein ganzes Stück weit offen zu haben. Ein steigendes Arbeitskräfteangebot erhöht die Produktion. Der Umsatz der Unternehmen steigt und somit können diese ihre Investitionen ausweiten, was sich wiederum positiv auf die Produktion auswirkt. Dadurch steigt die Kapitalrentabilität, welche ihrerseits das wirtschaftliche Wachstum stimuliert. Dieser Effekt basiert auf der Annahme, dass Zuwanderer im Aufnahmeland erwerbstätig werden und somit Wertschöpfung generieren. Dass dies in Deutschland im Großen und Ganzen der Fall ist, wurde bereits in den vorherigen Abschnitten gezeigt. Es ist zwar richtig, dass Zuwanderung anfangs zu einem geringfügigen Anstieg der Arbeitslosigkeit und einem sinkenden Lohnniveau führen kann, doch ist dieses Szenario zu kurz gedacht. In der mittleren Frist passen sich Kapital- und Gütermärkte diesen Veränderungen an. Wenn die Kapitalrenditen steigen, erhöhen Unternehmen ihre Investitionen, bis das Arbeit-Kapital-Verhältnis wieder das vorherige Niveau erreicht hat.

Folgen für Sozialstaat und Gesellschaft

Spätestens seit der Debatte um das umstrittene Rentenpaket der schwarz-roten Regierung weiß jeder in Deutschland: die deutsche Rentenversicherung ist umlagefinanziert und unterfinanziert. In Deutschland sinkt – ohne Zuwanderung – die Zahl der Beitragszahler, während die Zahl der Rentenempfänger steigt, so dass ein zusätzlicher alterungsbedingter Finanzierungsbedarf in den Sozialkassen entsteht. Wie bereits oben erwähnt, sind die Zuwanderer relativ jung. Der Anteil der 15-25-Jährigen beträgt 24,6 Prozent, bei den 25-45-Jährigen sogar 50,4 Prozent. Diese Werte liegen deutlich über denen der einheimischen Bevölkerung. Somit tragen die Zuwanderer deutlich zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme bei.

So kann Zuwanderung u.a. die finanzielle Lage der Rentenversicherung stabilisieren, indem die Zahl der Beitragszahler steigt. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln errechnete, dass der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen unter den Zuwanderern zwischen 2005–2011 von 36,7 Prozent auf 41,9 Prozent  gestiegen ist. Damit lag der Anteil im Jahr 2011 sogar noch deutlich höher als bei den in Deutschland Geborenen mit 35,5 Prozent. Es ist zwar richtig, dass Zuwanderung den demografischen Wandel nicht aufhalten, aber doch deutlich abmildern kann – eine dringende Notwendigkeit.

Auch kann die deutsche Gesellschaft auf kultureller Basis von den Zuwanderern profitieren. Dabei ist nicht nur von der kulinarischen Bereicherung die Rede. Auch die exotische Vielfalt von Musik, Tanz und Literatur bereichert spürbar das kulturelle Leben in Deutschland. Kulturelle Vielfalt bedeutet jedoch nicht, dass die Zuwanderer ihrer heimatlichen Lebensweise vollständig treu bleiben. Vielmehr bilden gute Kenntnisse der deutschen Sprache und gelungene Integration die Grundlage dafür, dass Migranten sich in die deutsche Gesellschaft gut integrieren, zeigt eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Zuwanderung langfristig positive Effekte auf die deutsche Wirtschaft hat. Ängste und Warnungen vor einer überproportionalen Masseneinwanderung und „Sozialtourismus“ haben sich nicht bewahrheitet. Für Deutschland bietet die Zuwanderung eine Chance, den Fachkräftemangel abzumildern und auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig zu bleiben.

Mit seiner starken Wirtschaftskraft zieht Deutschland Menschen aus rezessionsgeplagten Ländern an und verbessert sein früheres Image als Auswanderungsland in Richtung eines hoch attraktiven Einwanderungslands. Letztendlich liegt es aber auch bei einem jeden einzelnen von uns, nicht den populistischen Stimmen Gehör zu schenken, sondern unsere Augen für die wirtschaftlichen Chancen und die gesellschaftliche Bereicherung der Zuwanderung zu öffnen.

Über den Author

Marco Schaefer

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