Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Spiele statt Brot?

Brennende Autos, Straßenschlachten und Massenproteste – ausgerechnet in Brasilien, wo Fußball wie in kaum einem anderen Land zum nationalen Bewusstsein gehört, zogen vor mittlerweile gut einem Jahr im Vorfeld des Confederations Cup hunderttausende Menschen auf die Straßen, um gegen die Milliardenausgaben für die Weltmeisterschaft zu demonstrieren. Selbst FIFA-Präsident Joseph S. Blatter musste sich damals fragen: Habe man bei der WM-Vergabe vielleicht falsch gewählt? Dabei hatten doch bereits die Olympischen Sommerspiele 2008 in China, die Fußball-WM 2010 in Südafrika oder die Olympischen Winterspiele 2014 in Russland gezeigt: es ist längst keine Seltenheit mehr, dass sich Entwicklungs- und Schwellenländern als Gastgeber für internationale Sportgroßveranstaltungen präsentieren. Und bisher wurde dies vom Großteil der dortigen Bevölkerung immer begeistert gefeiert. Letztendlich blieb auch in Brasilien die Angst davor, dass die WM von gewaltsamen Demonstrationen überschattet werden könnte, unbegründet. Vielmehr ist die Wut der Bevölkerung Fußballeuphorie und Feierlaune gewichen. War die aufstrebende Industrienation Brasilien nun also doch der richtige Austragungsort? Nein. Denn angesichts erheblicher infrastruktureller Rückstände gleicht die Durchführung eines Sportevents wie eine Fußball-WM für ein Schwellenland volkswirtschaftlichem Irrsinn.

Brasiliens Hoffnung auf den „WM-Wirtschaftskick“

Wie Russland, China und Südafrika gehört auch Brasilien zu den großen aufstrebenden Volkswirtschaften, den sogenannten BRICS-Staaten. So betrug das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in Brasilien zwischen 2004 und 2010 durchschnittlich rund 5,5 Prozent. Doch in dieser Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs versäumte Brasilien es, dringend notwendige Reformen im Bereich der sozialen und verkehrstechnischen Infrastruktur durchzusetzen. Nach wie vor gehört Brasilien zu den Ländern mit der höchsten Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen weltweit. Dies spiegelt sich unter anderem in einer mangelhaften medizinischen Versorgung oder im Schulwesen wider, indem individuelle Bildungschancen eng mit der sozialen Herkunft verknüpft sind. Seit nun mehr drei Jahren stagniert die Wirtschaft Brasiliens weitestgehend. So wächst das BIP seit 2011 jährlich lediglich noch zwischen ein und zwei Prozent, während die Inflationsrate trotz drastischer Erhöhung des Leitzinses bei rund sechs Prozent liegt. Dies hat zur Folge, dass sowohl der private Konsum als auch die Investitionsrate von Unternehmen stetig sinken. Angesichts dieser schwachen Konjunktur ruhten alle Hoffnungen Brasiliens auf der Austragung der Fußballweltmeisterschaft, man ersehnte sich regelrecht einen „WM-Wirtschaftskick“.

Dass von Sportgroßereignissen wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften eine unglaubliche Anziehungskraft auf Menschen rund um den ganzen Globus ausgeht, ist offensichtlich. Daher erwarten die Bewerber um die Ausrichtung von Sportereignissen weitreichende ökonomische Impulse für ihr Land. Dieser wirtschaftliche Nutzen soll sich vor allem durch die Verwirklichung von großen Infrastrukturprojekten ergeben. Darunter sind insbesondere Investitionen zu verstehen, die nicht ausschließlich dem Sport zuzurechnen sind, also beispielsweise der Ausbau des Straßen- und Schienennetzes. Durch diese regen Bautätigkeiten soll zudem die Arbeitslosenquote sinken. Auf lange Sicht schließlich soll durch Nachfolgeinvestitionen und fiskalische Multiplikatoreffekte eine mehrfache Einkommenssteigerung generiert werden.

Auch Brasilien investierte kräftig, nach Schätzungen von Experten zufolge über zehn Milliarden Euro. Davon entfielen allein drei Milliarden Euro auf den Bau beziehungsweise die Renovierung der zwölf WM-Stadien. Damit gilt das Turnier als die teuerste WM aller Zeiten. Zusätzliche wirtschaftliche Impulse erwarten die Gastgeber von Sportveranstaltungen durch den Zufluss ausländischen Geldes, das primär durch die steigende Anzahl an Touristen erwirtschaftet wird. So rechnete das brasilianische Wirtschaftsministerium mit einem deutlichen Anstieg der Zahl der Touristen, die wegen der WM anreisen würden und dadurch Extraeinnahmen in Höhe von fünf Milliarden Euro einbringen sollten.

Die vereinfachte These lautet also seit jeher: die Austragung von internationalen Sportereignissen trage beträchtlich zum Wirtschaftswachstum bei. Und daher lassen es sich Politiker und Sportfunktionäre nicht nehmen, den Beitrag solcher Sportturniere für die Entwicklung ihres Landes in den buntesten Farben auszumalen. Langfristige Wachstumseffekte in der Tourismusbranche oder die flächendeckende Modernisierung des öffentlichen Nahverkehrs sind dabei nur einige der überschwänglichen Versprechen, die gegeben werden. Doch welche Nettoeffekte für die Konjunktur treten nach der Austragung tatsächlich ein? Ist ein sportliches Mega-Event wirklich eine Chance für die nationale Volkswirtschaft von Entwicklungs- und Schwellenländer? Oder sind dies am Ende doch nur leere Versprechungen?

Von weißen Elefanten und Verteilungsgerechtigkeit

In der Tat lässt sich feststellen, dass im Vorfeld der Austragung von Sportgroßveranstaltungen kräftig in die Infrastruktur investiert und diese somit verbessert wird. Dies könnte sich auch positiv auf die Wirtschaft des Gastgeberlandes auswirken, wenn auf der anderen Seite nicht die immensen Kosten, beispielsweise für die langfristige Unterhaltung der Wettkampfarenen, wären. Austragungsstätte, die zu selten bespielt werden – sogenannte „weiße Elefanten“ –, sind in der Regel Minusgeschäfte. In Südafrika etwa sind neun der zehn WM-Stadien defizitär. Damit stehen den jährlichen Einnahmen von rund einer Millionen Euro Kosten in Höhe von 4,5 Millionen Euro gegenüber. Für diese Verluste kommen natürlich die Steuerzahler auf. Und auch in Brasilien drohen mindestens vier Stadien zu „weißen Elefanten“ zu mutieren, denn weder in Brasília noch in Natal, Cuiabá oder Manaus spielen Fußballerstligisten, deren Fans die Ränge füllen könnten. Vor allem das Stadion in Manaus steht sinnbildlich für die Verschwendung Brasiliens im Rahmen der WM. Das Stadion bietet Platz für 44.000 Zuschauer, doch zu den Spielen des dort ansässigen Fußballclubs kommen gerade einmal durchschnittlich 2.000 Zuschauer. Dies macht schon jetzt deutlich: das Stadion ist ein Millionengrab mitten im Amazonas-Regenwald! Auch die Zuwächse im Hotel- und Tourismusgewerbe sind gewöhnlich nur von kurzer Dauer. So kamen zwar während den vier Wochen der Weltmeisterschaft 700.000 ausländische Touristen nach Brasilien, doch ist es unwahrscheinlich, dass sich diese positive Entwicklung langfristig halten wird. In Südafrika entwickelt sich der Tourismus seit 2010 sogar rückläufig. Auch ein Blick auf das BIP im WM-Jahr dämpft die Hoffnungen auf einen Wachstumsschub. So ist dieses in den ersten drei Monaten 2014 gerade einmal um 0,2 % im Vergleich zum Vorquartal gestiegen. Und nach Expertenmeinungen wird es auch im zweiten Quartal keinen nennenswerten Zuwachs geben. Es scheint beinahe so, als wären angesichts der traumatischen Niederlage der Seleção im Halbfinale nicht nur die brasilianischen Fußballfans, sondern die ganze Wirtschaft in eine Schockstarre gefallen.

Hinzu kommt schließlich noch die Tatsache, dass die Opportunitätskosten der Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländer besonders hoch sind, da diese im Gegensatz zu Industrienationen schwächere Sozialsysteme aufweisen. Schwellenländer haben oft mit maroden Gesundheitssystemen oder Mängeln im Bildungswesen zu kämpfen. Durch Korruption oder eine ineffiziente Verwaltung werden diese Probleme zusätzlich verstärkt. Vergleicht man die Wohlfahrtsgewinne von Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mit denen alternativer Maßnahme – wie zum Beispiel Bildungsinvestitionen – drängt sich die Frage auf: sind solche sportlichen Mega-Events wirklich den Aufwand wert? Aus sozioökonomischer Sicht definitiv nicht! So kommen die staatlichen Ausgaben nur einer kleinen sozialen Schicht aus Bauunternehmern und Hotelbetreibern zugute, während der Großteil der Bevölkerung die Kosten dafür trägt. Besonders schwer trifft es die Ärmsten der Armen, die in den so genannten Favelas leben. Etwa 250.000 von ihnen wurden im Vorfeld der WM umgesiedelt, um Platz für Stadien oder Verkehrsmaßnahmen zu schaffen – oder weil die Armen die Touristen vergraulen würden. Angemessene Entschädigungen für diese Zwangsräumungen gab es nicht. Dies verdeutlicht, wie Sportveranstaltungen gesellschaftliche Ungleichheiten verstärken und damit das Ziel der Verteilungsgerechtigkeit verletzen. Die wahren Gewinner sind und bleiben internationale Sportverbände wie die FIFA oder das IOC. Sie beteiligen sich kaum an den Kosten, haben aber durch ihre umfangreichen Rechte an den Sportveranstaltungen ein komfortables Monopol und können so einen Großteil der Gewinne abschöpfen. Bei der WM in Südafrika beispielsweise entsprach dies immerhin einem Ertrag von 2,3 Milliarden Euro.

Fazit

Eigentlich hätten die Folgen der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika eine Lehre sein müssen, denn dort blieb das erhoffte Wirtschaftswachstum aus, stattdessen verwaisen nun die Stadien, die damals auf Kosten der Steuerzahler extra aus dem Boden gestampft wurden. Dies verdeutlicht, dass Sportgroßereignisse keine dauerhaften ökonomischen Impulse für das Gastgeberland bringen. Viel mehr gehen Entwicklungs- und Schwellenländer das Risiko ein, danach auf teuren Investitionsruinen sitzen zu bleiben. Dennoch bemühen sich immer mehr Schwellenländer um eine Austragung von Sportveranstaltungen, denn sie wissen um die weltweite Begeisterung für Sport und die Macht der Bilder. So sind Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele eine unvergleichliche Gelegenheit, um Standortmarketing zu betreiben. Dies geschieht allerdings zu Lasten von sozialen Projekten, was zur Folge hat, dass die ohnehin gravierenden gesellschaftlichen Ungleichheiten in Entwicklungsländern noch weiter verschärft werden. Die brasilianische Bevölkerung hat also alles richtig gemacht, als sie zu Hunderttausenden auf die Straßen zogen, um aller Welt ihren Unmut gegenüber des Größenwahns im Rahmen der Weltmeisterschaft zu zeigen.

Die WM ist inzwischen vorbei, doch der nächste Wettkampf steht bereits an: am 5. Oktober finden in Brasilien Wahlen statt. Und wer weiß, vielleicht zeigen die Brasilianer ihrer Präsidentin Dilma Rousseff ja dann die rote Karte.

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Alisa Muell

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