Deutschland exportiert sich – und die Masse jubelt

In der Eurokrise ist Deutschland längst als ein Hauptschuldiger ausgemacht! Deutschland exportiere zu viel und sei geradezu versessen auf seine hohen Exportüberschüsse, so Deutschlands Kritiker in den Krisenländern der EU. Deutschland möge, so die Forderung, seine Überschüsse reduzieren, damit die Ungleichgewichte in der EU reduziert werden können. In der deutschen Diskussion werden die Exportüberschüsse dagegen überwiegend als positiv für Deutschland selbst bewertet, weil sie als ein Ausdruck der großen Wettbewerbsfähigkeit des Landes und als Garant für Arbeitsplätze angesehen werden. Doch stimmt dies eigentlich? Profitiert Deutschland wirklich von seinen Export- bzw. Leistungsbilanzüberschüssen oder schaden diese vielleicht dem Wohlstand des Landes? Müsste Deutschland, wenn letzteres zutrifft, sich und sein Wirtschaftsmodell möglicherweise kritisch hinterfragen und langfristig Änderungen vornehmen?

Die letztgenannten Fragen werden in der aktuellen europäischen Krisendiskussion nur selten gestellt, lieber ergeht man sich in mehr oder weniger sinnlosen Diskussionen darüber, ob Deutschland zugunsten Europas an Wettbewerbsfähigkeit verlieren müsse. Eine der selten Ausnahmen ist der Beitrag „Der irre Drang nach Überschüssen“ im Blog „Never Mind the Markets“. Er argumentiert, dass die hohen Leistungsbilanzüberschüsse Ausdruck einer sehr hohen deutschen Sparquote seien und damit den Wohlstand nicht(!) fördern könnten. Will man den Wohlstand, zumindest in der kurzen Frist steigern, dann wären mehr Investitionen im Inland die deutlich bessere Lösung.

Die zentrale Frage ist also, ob und inwieweit die Export- und Leistungsbilanzüberschüsse tatsächlich einen Nutzen für Deutschland darstellen. Um hierauf eine Antwort zu finden, muss zunächst geklärt werden, warum Deutschland überhaupt so viel exportieren kann. Ein Hauptgrund hierfür ist die große Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte (vgl. auch die Diskussion über die Gründe der deutschen Wettbewerbsfähigkeit auf unserem Blog und der Seite des Wirtschaftswurms). Sie sind entweder besser oder billiger als die Produkte anderer Länder. Sucht man nach Gründen hierfür, fällt eine Tatsache schnell ins Auge: Deutschland ist das einzige Land der Eurozone ist, das über einen längeren Zeitraum seit der Jahrtausendwende (2000-2008) sinkende Reallöhne aufwies. Während Rumänien (zugegebenermaßen mit Deutschland kaum vergleichbar) einen Reallohnzuwachs von 331,7% zu verzeichnen hatte und auch unser Nachbar Dänemark immer noch auf stolze 19% Zuwachs kam, sanken die deutschen Reallöhne in diesem Zeitraum um 0,8%. Diese Lohnzurückhaltung war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass deutsche Produkte im Vergleich billiger wurden. Dieser Effekt wurde durch die Unterschiede in den Inflationsraten der EU-Mitgliedsländer, die de facto zu einer Abwertung des realen „Wechselkurses“ für deutsche Produkte führte, noch verstärkt.

Können nun die so entstandenen Überschüsse einen Wohlfahrtsgewinn für Deutschland mit sich bringen? Die deutsche Bevölkerung scheint sich weitgehend einig zu sein, dass ihnen der Exportüberschuss Vorteile verschafft. Dass Deutschland in der Presse oft als Exportweltmeister gefeiert wurde, mag zu diesem Gefühl sicherlich beitragen, aber es unterliegt einer allgemeinen Fehleinschätzung; mit anderen Worten: es ist zu fragen, ob sich eine gesamte Bevölkerung irrational verhalten und – in diesem konkreten Fall – mehr exportieren kann als gut für sie wäre. Die Antwort hierauf lautet: Ja, sie kann!

Aus der Sicht eines Unternehmers stellt sich die Situation sehr einfach dar: Er versucht, mit seinen Produkten möglichst wettbewerbsfähig zu sein und wird als rationaler Gewinnmaximierer gerne und viel exportieren. Aus seiner individuellen Sicht spricht also nichts gegen aber sehr viel für einen hohen Exportüberschuss. Auch für den durchschnittlichen Arbeitnehmer in einer sehr exportlastigen Volkswirtschaft, wie Deutschland sie ist, sind Exportüberschüsse wünschenswert, sichern sie doch seinen Arbeitsplatz. Und doch kann es sein, dass diese individuelle Rationalität zu einer kollektiven Irrationalität und damit zu einer nicht vollständigen Ausschöpfung des Wohlfahrtspotenzials in einer Volkswirtschaft führt.

Um diese Wirkungen zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick zurück auf die Überlegungen von Adam Smith zu wagen. Schon dieser untersuchte nämlich die Auswirkungen hoher Exportüberschüsse auf die Gesamtwohlfahrt. Smith argumentierte, dass durch den Exportüberschuss letztlich nur Devisen (zu seiner Zeit vor allem Edelmetalle) ins Land geholt werden. Wie viel Devisen oder Edelmetalle nun aber im Land zirkulieren, ist für die Wohlfahrt gänzlich unerheblich. Die Wohlfahrt wird erst gesteigert, wenn diese Devisen wieder gegen Waren aus dem Ausland getauscht werden. Mit anderen Worten: Deutschland exportiert seine Waren und saugt sich damit mit Besitzansprüchen für potenzielle Konsummöglichkeiten voll, ohne diese – zumindest in der Gegenwart – zu nutzen. Ungenutzte Konsumansprüche schaffen jedoch gemäß der Standardtheorie keine Wohlfahrt, da nur tatsächlich verwirklichter Konsum in die Nutzenfunktionen der Bürger eingeht.

Andererseits kann es aber sein, dass Deutschland an Konsum in der Gegenwart kein Interesse hat und seine Exportüberschüsse nur temporärer Natur sind. Betrachtet man die Alterung der deutschen Gesellschaft, dann macht es sehr viel Sinn, heute eine noch sehr aktive Bevölkerung eine hohe Vermögensposition gegenüber dem Ausland aufbauen zu lassen, die in den nächsten Jahrzehnten abgebaut wird, wenn eine stark gealterte Bevölkerung nur noch eine geringe Produktivkraft aufweist und sich durch Importe von Produkten aus dem Ausland versorgen muss. In diesem Sinne wären die momentanen Überschüsse (gesamtwirtschaftlich) sehr rational und würden aus einer intergenerationalen Perspektive längerfristig tatsächlich die Wohlfahrt fördern. Vor diesem Hintergrund wäre die Kritik des Auslands an den deutschen Exportüberschüssen völlig verfehlt. Zugleich müssten sich Deutschlands Bürger, Politiker und Presse zukünftig von vermeintlichen Exportweltmeisterschaften verabschieden.

Als Fazit lässt sich damit festhalten, dass Deutschland langfristig durchaus von dem momentan hohen Exportüberschuss profitieren könnte, allerdings nur wenn er später durch einen Importüberschuss bzw. ein Leistungsbilanzdefizit ersetzt wird. Wird der aktuelle Überschuss auf ewig beibehalten, werden nur „Reichtümer“ ohne Gebrauchswert angehäuft, da kein Konsum stattfindet, der die Wohlfahrt steigern würde. Sobald Deutschland – zu gegebener Zeit – anfängt, das Angesparte auszugeben, wird ganz nebenbei das Wachstum in den anderen Eurostaaten gefördert, da ein Großteil der deutschen Importe aus der Eurozone stammen wird. Um einen echten Wohlfahrtsgewinn zu erzielen, führt kein Weg daran vorbei, die Handels- und Leistungsbilanz langfristig bzw. intergenerational auszugleichen.

Über den Author

Marcel Weber Studiert derzeit im Bachelor Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Schwerpunkte liegen vor allem in den Bereichen Makroökonomie und Geldpolitik. Neben rein ökonomischen Themen interessiert er sich auch für verwandte Disziplinen der Geisteswissenschaften.

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